10.02.14

RUDOLF SCHOCK SINGT FRANZ JOSEPH HAYDN


Rudolf Schock singt Franz Joseph Haydn


Rudolf Schock
Es macht mir Spaß, Tenor Rudolf Schock - rundheraus gegen Annahmen, Erwartungen und Vorurteile - als Sänger von AUCH Händel, Gluck, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann usw. zu präsentieren.
Zugleich bringt die CD-Industrie Schocks Aufnahmen von u.a. Verdi, Wagner, Puccini und (Richard) Strauss weltweit heraus, und werden Musikliebhaber von seiner Mitwirkung auf einer neuen DVD von Alban Bergs 'Lulu' überrascht.
Rudolf Schock schreibt - oder angemessener: singt - Musikgeschichte: Neben Bach dominieren ja Händel, Gluck und Mozart das 18. Jahrhundert, stehen im 19. Jahrhundert Beethoven (Wiener 'Klassik'), Schubert & Schumann ('Romantik'), Verdi & Wagner (Oper) zentral, und melden sich im frühen 20. Jahrhundert Puccini, (R.) Strauss und  Alban Berg.

Der österreichische Komponist Franz Joseph Haydn ist musikalisch ein bedeutendes Bindeglied zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert. Händel aus dem 18. Jht. inspirierte Haydn zu seinen Oratorien & Opern, und Haydn hatte wieder Einfluß auf Beethoven aus dem 19. Jht., was dessen Sinfonien und synfonische 'Missa Solemnis' betrifft.

Rudolf Schock sang die Tenorpartien in Haydns 'Nelson Messe' (Schallplatten-Aufnahme: Wien 1953) und im Oratorium 'Die Jahreszeiten' (Ausführungen: Berlin 1947 und Münster 1960). Daneben gehörten einige von Haydns Liedern zu Schocks Lieder Recitals.

 Franz Joseph Haydn (1732-1809)




















Er komponierte und dirigierte. Fiel als Mensch nicht außerordentlich auf, aber als Künstler desto mehr. War im künstlerischen Staatsdienst des ungarischen Prinzen Nikolaus II Esterhazy und als solcher sehr produktiv in Wien und Eisenstadt (nah an der ungarischen Grenze). Reiste zweimal nach England, um Konzerte zu geben und eine ganz schöne Portion Musik des von ihm bewunderten Händel zu genießen. Er schrieb Oratorien ( u.a. 'Die Schöpfung'), 24 Opern und 14 Messen, aber brillierte besonders in instrumentalischen Kompositionen.
Mit Haydn fängt denn auch die Geschichte und der Siegeszug des 'Streichquartetts' an. Durch Haydn (er schrieb deren mehr als hundert!) gewinnt die Gattung der Sinfonien an Tiefe. Von Haydn ist überdies das allererste weltliche Oratorium ('Die Jahreszeiten').

Die 'Nelson Messe' oder 'Missa in angustiis'
hatte am 23.9.1798 Premiere und ist Haydns elfte Messe. Haydn widmet sie der Ehefrau seines Brotgebers: Prinzessin Maria Josepha Esterhazy.
Die Andeutung 'Nelson' verwirrt ein wenig. Sie wurde wahrscheinlich nicht lange nach dem Anfang des 19. Jhts an Haydns 11. Messe gehängt, weil der britische Admiral und Kriegsheld Horatio Nelson kurz nach der Erstaufführung ein Konzert von Haydn besuchen wollte, und dieser seine Freude darüber nicht 'low profile' hielt.

Ein andrer Name der Messe ist 'Missa in angustiis', was 'Messe für angstvolle Zeiten' bedeutet. Dieser Name stammt zwar von Haydn, aber muß ein Titel für ihn persönlich gewesen sein, ein Arbeitstitel also. Jene "angstvollen Zeiten", wozu die Messe als österreich-ungarische Hoffnung dienen sollte, bezogen sich - wiederum wahrscheinlich - auf die Kriegshandlungen, die um die damalige Jahrhundertwende herum äußerst heftig waren: Frankreich unter Anführung von Napoleon Bonaparte kämpfte eroberungssüchtig gegen eine Koalition von Rußland, Großbritannien und Österreich-Ungarn.

Über die Struktur der Messe:

Logisch in einer Messe ist die Haupteinteiling: 'Kyrie' (Ansprechtitel: Herr!), 'Gloria' (Ehre dem Herrn), 'Credo' (Glaubensbekenntnis), 'Sanctus' (Heilig ist der Herr), 'Benedictus' (Gesegneter) und 'Agnus Dei' (Lamm Gottes).

Originell und darum erneuernd ist aber, daß Haydn in seiner Tondichtung die Stimmen des Chores und der Solisten in der Gesamtheit der Komposition instrumentalisch 'mitnimmt' oder - anders gesagt - daß Haydn den Unterschied zwischen einerseits Pauke, Trompeten, Streichern und andrerseits menschlichen Stimmen aufhebt. Man hört keine einzelnen Arien, nahezu keine streng isolierten Soli, tutti und Chöre mehr. Das Ganze ist einer sinfonischen = zusammen klingenden Orchestration unterworfen und deshalb zur 'sinfonischen' Messe geworden.

Über die einzelnen Teile:
  • Das 'Kyrie' ist in Moll und voller Drohung.
  • Das 'Gloria' ist in Dur: 2 Teile Allegro, 3. Teil Adagio ('Qui tollis: Du nimmst hinweg die Sünden der Welt')
  • Das 'Credo' erzählt die Geschichte Jesu ('Et incarnatus est: durch den Heiligen Geist Mensch geworden' und  'Et resurrexit: Er ist auferstanden'):
  • Das 'Sanctus' beginnt mit einem 'messa di voce' (ist kein 'mezza voce'! Ein 'messa di voce' ist: das An- und Abschwellen der Stimmlautstärke während des Haltetons/Eine 'mezza voce' ist: mit halber Stimme)
  • Das 'Benedictus' endet mit einem 'Hosanna'
  • Das 'Agnus Dei' endet mit 'Dona Nobis Pacem: Geben Sie uns den Frieden').


Rudolf Schock singt in Haydns 'Missa in angustiis'
auf einer LP, die 1953, im 2. Halbjahr, vom 'Club Français Du Disque', Musikabteilung des ambitionierten 'Club Français Du Livre', herausgebracht wurde.

Howard Chandler Robbins Landon & Jonathan Sternberg

H.C. Robbins Landon

















Die Aufnahmen für u.a. diese LP kamen in Wien zustande, dank einer engen Zusammenarbeit zwischen dem Haydn/Mozart-Spezialisten H.C. Robbins Landon (1926-2009) und dem Dirigenten Jonathan Sternberg (1919).
Robbins Landon war in seiner Heimatstadt Boston (VS) die große Säule der schon 1815 gegründeten 'Haydn Society'. Nach dem Krieg war er von Berufs wegen zwei Jahre in Wien und kehrte gern dahin zurück, um u.a. den außer Sichtweite geratenen Joseph Haydn zu promoten. Das brachte ihn mit dem erfolgreichen Dirigenten Jonathan Sternberg in Kontakt.
Jonathan Sternberg
(Foto: Jenny Faugerat)






















Jonathan Sternberg, der in Kanada geboren war, wuchs in den VS auf, dirigierte ab 1941 in New York und Shanghai, und reiste 1947 nach Wien. Von hieraus machte er die Europäer mit modernen, amerikanischen Komponisten wie Bernstein, Menotti und Ives vertraut. Daneben zeigte er sich am Pult ein Dirigent, der genauso vortrefflich die europäischen Größen Bach, Mozart, Händel und Haydn ausführte. Bemerkenswert und undeutlich ist, warum dieser jetzt 94-jährige Musiker heutzutage nur in einem kleineren Kreise der Musikliebhaber Bekanntheit genießt.

Robbins Landon überredete Sternberg, sich zusammen mit ihm auf die Suche nach nur wenig ausgeführten Tondichtungen von Haydn und Mozart ('Idomeneo'!) zu machen, um diese auf Schallplatte festzulegen. Dieses Projekt begann 1949 und dauerte bis zum Jahre 1954. Ein Jahr früher fing der taufrische 'Club Français Du Disque' begeistert damit an, in Europa nach interessanten Jazz-Dokumenten und Aufnahmen aus dem klassischen Repertoire zu suchen, mit der Absicht, deren Produktion aufzunehmen. So kam es zur LP mit Haydns 'Missa in angustiis', deren Aufnahmen im ersten Halbjahr des Jahres 1953 (oder 1952 schon?) stattgefunden haben müssen.

(NB: Zu Anfang des Haydn/Mozart-Projekts nahm Sternberg 1949 schon eine 'Missa in angustiis' auf. Die Solisten waren Lisa Della Casa, Elisabeth Höngen, Horst Taubmann und George London. Diese Ausführung wurde vom 'Nixa'-Label herausgebracht).

Ein internationales Projektteam
Ein amerikanischer Haydn-Kenner trieb zur Aufnahme an (H.C. Robbins Landon).
Ein kanadisch-amerikanischer Dirigent dirigierte (Jonathan Sternberg).
Vom Solistenquartett waren die Damen amerikanisch (Teresa Stich-Randall und Mona Paulee), die Herren deutsch (Gottlob Frick und Rudolf Schock).
Chor und Orchester waren österreichisch (Wiener Akademie Kirchenchor und Orchester der Wiener Staatsoper).
Ein Pariser Schallplattenclub veröffentlichte die Aufnahme.

Über TERESA STICH-RANDALL (1927-2007), Sopranistin
(Link zu Teresa Stich-Randall: Wikipedia (Englisch)














Es war einmal eine Zeit, worin viele Europäer das Glück in den VS suchten. Die Aufnahme von Haydns Messe beweist, daß dies auch umgekehrt geschah. Teresa Stich-Randall war eine Sopranistin, die in den Fünfzigern die VS gegen Europa auswechselte. Sie hatte eine große Karriere in Wien und Salzburg als Opern- und Konzertsängerin.
Glanzrollen waren: Violetta Valéry und Gilda (Verdis 'La Traviata' und 'Rigoletto'), Antonia (Offenbachs 'Contes d'Hoffmann') und besonders Mozarts Heldinnen (Pamina, Gräfin Almaviva, Fiordiligi und Konstanze). Die Konzertsängerin Stich-Randall wurde mit (wiederum) Mozart und weiter Bach, Telemann und Haydn doppelt berühmt.
Rudolf Schock ist auf CD ihr Partner in zwei Mozart-Opern: 'Die Entführung aus dem Serail' und 'Die Zauberflöte'. In beiden Fällen handelt es sich um integrale Rundfunk-Ausführungen.

Über MONA PAULEE (1911-1995), Mezzo-Sopranistin
(Link auf Mona Paulee)
















Auch Mona Paulee kam nach Wien im Sommer 1952. Aber Sie blieb nicht so lange. Nach einem Tournee durch Europa reiste sie wieder in die USA (darum wäre es denkbar, daß die 'Missa in angustiis' schon 1952 aufgenommen wurde). Die Theaterlaufbahn der temperamentvollen Sängerin vollzog sich, was die Oper anbelangt, auf der Bühne der Metropolitan Opera (sie sang u.a. unter Thomas Beecham und Erich Leinsdorf). Ihre andere Spezialität, das Musical, kam hauptsächlich in Songs von Romberg, Friml, Porter, Gershwin usw. in Saalauftritten und auf der Schallplatte zur Geltung. Wohl spielte sie 1956 auf Broadway eine Hauptrolle in der Weltpremiere von Frank Loessers 'The Most Happy Fella' (auf Sony-DVD festgelegt).

Welche Kommentare gab es, und wie ergang es der LP des 'Club Français Du Disque' weiter?
Auf der schönen Schweizer Site 'Mon Musée Musical'
(www.renegagneau.ch) berichtet René Gagneau unter dem Link auf Jonathan Sternberg, Igor B. Maslowski ('Gramophone') stelle im Januar 1954 Sternbergs spätere "glänzende Aufnahme" aus dem Jahre 1953 über die des Jahres 1949 (siehe oben): "the new recording sounds subtler (subtiler, verfeinter), less triumphant (weniger triumphierend), more sacred (vergeistigter) than the Nixa one...".


Im halben Jahrhundert danach schien die Schallplatte verschollen zu sein. Aber dann ist ein Schock-Verehrer so freundlich, mir die CD-Kopie der alten Schallplatte zuzusenden.

LP 1953













Anno 2015 ist die Aufnahme  auf zwei Weisen erhältlich!

- als Download
   bei digitaler 'Apple'-Tochter 'iTunes';
Download 'iTunes' 2014



















- als CD bei der englischen (!) Club 'Classical Recordings Quarterly Editions'
(http://crq.org.uk/).
Gegen Bezahlung eines Mitgliedbeitrags ist die CD seit 2013 für fast £ 9.- zu haben, und zwar unter Nr. CRQ CD029. Die Briten sind begeistert über die Aufnahme:
"The second of Jonathan Sternberg's formidable recordings of the Haydn 'Nelson' Mass, featuring an excellent solo quartet and magnificient conducting in a revised edition by H.C. Robbins Landon...".

Was die Ausführung betrifft:
Jonathan Sternberg läßt Chor und Orchester voller Hingabe singen und spielen. Teresa Stich-Randall produziert im düsteren 'Kyrie' ihre Töne in technischer Vollendung, kühl und unberührt, wie die Kanonen im damaligen Europa unbewegt Feuer spuckten und Tod und Verderben brachten. Völlig anders klingt sie im 'Et incarnatus est' aus dem 'Credo'. Da atmet ihre Darstellung nur Wärme und Rührung.

Gottlob Frick predigt mit der Überzeugungskraft seiner tiefen, sonoren Baßstimme das Vertrauen auf Gott, der in Jesu die Sünden der Menschheit wegnimmt ('Qui tollis').
Gottlob Frick
Rudolf Schock und Mona Paulee haben relativ weniger zu singen, aber bei Rudolf Schock tritt - wie immer - das emotionelle Engagement in den Vordergrund (Schlußteil des 'Gloria') und Mona Paulee "spricht eine Sprache, die von Herzen zu Herzen geht" (laut der amerikanischen Presse). Paulees Timbre und Gesangsstil sind für dieses Repertoire ziemlich ungewöhnlich und kommen ohne Zweifel vom amerikanischen Musiktheater her. Aber ich schließe mich gern den Amerikanern an: Mona Paulees frische Stimme besticht durch Freundlichkeit und Herzlichkeit.

Krijn de Lege, 10.2.2014/Update: 21.12.2015

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