08.11.12

RUDOLF SCHOCK SINGT CHARLES GOUNOD


Rudolf Schock sings "Sei mir gegrüßt" uit 'FAUST' (1951):



Rudolf Schock sings Charles Gounod

1938 
zum 1. Mal am Braunschweiger Landestheater und zwar die Rolle von Siebel (!)  in der Premiere von Gounods Oper 'Faust'.

1949
gehört die - französisch gesungene - grosse Arie von Faust: 'Salut, demeure chaste et pure' zum Repertoire von Rudolf Schock während einer Gastspielreise durch Australien (siehe 'RS singt Sir Arthur Bliss')

Aus der 2. Hälfte der 40er Jahre
- mit Dank an Herrn Ludwig Stumpff - eine Rundfunk-Rarität mit Rudolf Schock, die ursprünglich von Gounod ist: 'Liebchen, komm in's duft'ge Grün':


1951
nimmt er unter dem Dirigenten Gustav König für den 'Westberliner Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS)' die Faust-Arie in deutscher Sprache auf: 'Sei mir gegrüßt, o heilge Stätte' (Hören Sie, bitte, ganz oben!)

1957
macht Electrola/EMI mit Rudolf Schock und dem Dirigenten Wilhelm Schüchter eine Schallplattenaufnahme der deutschen Version von Fausts Arie, einschließlich des Rezitativs.

1963
nimmt Eurodisc bedeutende Fragmente aus der Oper 'Margarethe/Faust' auf, mit u.a. Rudolf Schock, Hilde Güden und Gottlob Frick. Wilhelm Schüchter hat die musikalische Leitung

1978
erscheint die Eurodisc-LP 'Für meine Freunde'. Darauf singt Rudolf Schock u.a. einige bekannte Arien für Bariton (!), worunter aus 'Faust' die Arie von Valentin 'Da ich nun verlassen soll (Avant de quitter ces lieux)'.

In den Jahren 1953, 1955 und 1967 macht Schock Studioaufnahmen für Electrola und Eurodisc eines 'Maria, gegrüßet seist du', das weit und breit als 'AVE MARIA von Bach/Gounod' bekannt ist.
Sommer 1953 nimmt er für den Film 'Du bist die Welt für mich' noch ein zweites 'Ave Maria' auf.

Charles Gounod (1818-1893)
Charles Gounod um 1890 herum

Sohn eines respektierten Malers und einer erfolgreichen Klavierspielerin.
Erntet Weltruhm ab 1859, dem Jahr, worin in Paris seine Oper 'Faust' zum ersten Male aufgeführt wird.
Hector Berlioz
Verlegt sich anfangs auf die Kirchenmusik und hegt den mit Recht frommen Wunsch, Priester zu werden. Bis zum Moment, in dem er mit dem Komponisten und Schriftsteller Hector Berlioz (1803-1869) Bekanntschaft macht.

Johann Wolfgang von Goethe












Die künstlerische Beziehung mit Berlioz führt zur Transformation des Kirchenkomponisten Gounod in den Opernkomponisten Gounod. Es ist verführerisch, anzunehmen, die 'Konzert-Oper' von Berlioz aus dem Jahre 1846 'La Damnation de Faust' habe dabei eine wichtige Rolle gespielt. Der Fauststoff schließt sich nahtlos an Gounods Bewunderung für den literarischen und wissenschaftlichen Riesen Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) an, der ein ganzes Leben mit dem vielschichtigen Theaterstück 'Faust' gerungen hat.
Ary Scheffer 1795-1858, Maler aus Dordrecht
'Faust et Marguerite'
























Nach dem Jahre 1859 entfalten sich in raschem Tempo Gounods musikdramatische Möglichkeiten mit als Höhepunkten 'Faust et Marguerite' (1859), der unterschätzten 'La Reine de Saba' (1862, siehe auch 'RS singt Karl Goldmark'), 'Mireille' (1864) und 'Romeo et Juliette' (1867). Gounods reichliche Erfahrung mit der Kirchenmusik verleugnet sich in diesen Opern nicht.

Der französisch-preußische Krieg von 1870/71 veranläßt Charles Gounod und seine Gattin Anna Zimmermann nach England auszuweichen. Gounod läßt sich in London als Dirigent einer Chorgemeinschaft nieder, die später auf den Namen 'Royal Choral Society' getauft werden sollte. Und das, was erwartet werden konnte, geschieht: die Kirchenmusik wird wiederum der Mittelpunkt seiner musikalischen Aktivitäten.

Dann gibt es der Skandal:
Charles Gounod und Georgina Weldon
(reprodart, french school)


















Gounod war ein charmanter Mensch, der einige 'Flirtations' gehabt haben soll.
Wirklich beschädigend ist 1871 jedoch die Liaison mit der fast 20 Jahre jüngeren Georgina Weldon. Gounod hat sich ernsthaft in Georgina verliebt und schiebt sie buchstäblich als bevorzugte Solosängerin seines Chores nach vorne. Er besucht mehr die Familie Weldon als seine Frau.
Anna Zimmermann
Zeichnung von J.A. Ingres

Anna revoltiert, aber wird von Gounod sofort nach Paris zurückgeschickt. Das wird nicht nur in London, sondern auch auf dem Kontinent und in Amerika übel aufgenommen. Den negativen Einfluß, den Georgina auf Charles ausübt, führt dazu, dass er - auf ihr Drängen - ein Angebot, künstlerischer Direktor des 'Conservatoire de Paris' zu werden, ablehnt. Schliesslich kosten ihn ihre immer wachsenden Ansprüche stets mehr Geld. Die heillose Affäre strandet 1874, wonach sich Charles wieder mit Anna versöhnt. Georgina Weldon hat die Welt bis zu ihrem Sterben im Jahre 1914 dauernd daran erinnert, Gounod habe nur sie geliebt. Sie war dessen sicher, denn sie sei in den Jahren nach seinem Tode während Séancen dauernd  mit dem Komponisten in Kontakt geblieben.

Das 'Ave Maria von Bach/Gounod'

Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum,
Benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.

Sancta Maria, Mater dei,
ora pro nobis peccatoribus,
nunc et in hora mortis nostrae.
Amen, Amen.

(Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir,
Du bist gebenedeit unter den Frauen,
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.

Heilige Maria, Mutter Gottes,
bete für uns Sünder
jetzt und in der Stunde unseres Todes.
Amen, Amen)










Die Urversion dieses überbekannten Liedes wurde wahrscheinlich von Joseph-Guillaume Zimmermann, gefeiertem Pianisten und Gounods Schwiegervater, auf Noten gesetzt. Zimmermann sollte schlechthin - und unbemerkt? - aufgeschrieben haben, was der Schiegersohn Charles ihm auf dem Klavier vorspielte: eine romantische Improvisation über die 'Prélude Nr. 1' aus 'Wohltemperiertes Klavier' (1722) von Johann Sebastian Bach (1685-1750).

Seinerseits lud Anna Zimmermanns Vater den Schwiegersohn 1853 zur Ausführung der Improvisation in seiner Wohnung ein, mit gesungemem Text versehen - möglicherweise von Alphons de Lamartine (siehe 'RS singt Godard') - und von Klavier und Violine begleitet. Der Titel des neuen Salonstückes lautete: 'Méditation sur le prélude no.1 de Bach'.
Sechs Jahre später (1859) schlug Aurélie Jousset, Schwiegermutter eines Gesangsstudenten, Gounod vor, den Text der 'Méditation' durch die Worte des lateinischen Gebet 'Ave Maria' zu ersetzen. Er folgte ihrem Rat, und so wurde der protestantische Bach in die römisch-katholische Kirche hineingeschmuggelt.

Gounod hat diesem 'Ave Maria' kaum irgendeine Bedeutung beigemessen. Einmal scheint er es "einen kleinen Witz" genannt zu haben. Der Witz war offensichtlich so klein, dass Gounod ihn in der Autobiographie ganz ausläßt.
Das Volk - oder besser gesagt - die Völker dieser Erde und ihre Nachkommen waren jedoch andrer Meinung: von einem für das 19. Jht. typischen Salonlied (siehe 'RS singt Carl Bohm') evolvierte das 'Ave Maria von Bach/Gounod' zum weltweit adorierten Musikwunsch u.a. bei Trauungen und Beerdigungen. Nahezu alle bekannten Sängerinnen und Sänger haben das Lied dargestellt und (oder) auf Schallplatte/Tonband/CD festgelegt, von Barbra Streisand bis Cecilia Bartoli, von Mario Lanza bis Juan Diego Florez.

Rudolf Schock singt das 'Ave Maria von Bach/Gounod'
Im österreichischen Tauberfilm 'Du bist die Welt für mich' aus dem Jahre 1953 ist Schocks 'Ave Maria von Bach/Gounod' das wirksame Finale des Films.

Richard Tauber (Rudolf Schock) singt das Lied am Grabe von Christine (Annemarie Düringer), die an einem Herzleiden gestorben ist und 'die Welt für ihn war'. Dieser Plot ist Fiktion und nach manchem Filmrezensenten "ursentimental". Aber letzteres ist unwahr: jeder von uns gerät in seinem oder ihrem Leben mehr als einmal durch den Tod eines Menschen, den er oder sie liebt, in Erschütterung. Davon darf ein Film handeln und bestimmt, wenn das  - wie in Marischkas Film - auf eine verhaltene Weise geschieht.
Annemarie Düringer und Rudolf Schock














Die 'Richard Tauber Story' (der Name, worunter der Film in den VS herausgebracht wurde) stützt sich fest auf vier Pfeilern:

1) dem Einblick des Filmmachers Ernst Marischka in die Psyche des Zuschauers, für den der Film gedacht worden ist (siehe 'RS singt Berté'):












2) der herzerfreuenden Darstellung von Annemarie Düringer, die damals noch eine glänzende Bühnen- und Filmkarriere vor sich hatte:
3) dem einnehmenden Auftritt des erfahrenen Schauspielers Richard Romanowsky als Taubers Gesangslehrer:














4) dem hervorragenden Gesang von Rudolf Schock (einige Male von der Stimme Richard Taubers sekundiert).
Schock singt neben 'Ave Maria'   Fragmente aus Werken von Meyerbeer, Mozart, Verdi, Offenbach, Kienzl, Lehár und Tauber selbst.
Rudolf Schock
Richard Tauber


(NB: Hubert Bals, der leider früh gestorbene 'Godfather' des Internationalen Filmfestivals Rotterdam, schrieb je, seine erste aufschlussreiche Film-Erinnerung war der deutsche Musikfilm 'Du bist die Welt für mich'. Durch ihn gelangte er zu der Erkenntnis, wie wichtig für eine effektive Übertragung des Filminhalts auf den Zuschauer die Montage-Momente sind. Bals nannte als Beispiel Marischkas Timing dieser Momente ab dem Rundfunkkonzert mit Tauber, der Lehárs 'O, Mädchen, mein Mädchen' singt, bis zur Christines Bitte an Tauber, das 'Ave Maria' zu singen. Schon nach dem Wort 'Ave' fällt sie ins Kissen zurück und stirbt.

Als ich selber den Film zum ersten Male sah - ich hatte noch nie von Rudolf Schock gehört und trug gewiß keine rosarote Brille - traf diese zugleich schlichte und brillante Szenenfolge mich wie ein Vorschlaghammer (eine niederländische Redensart?-KdL). Einige Augenblicke später, während Schocks geladenem 'Ave Maria' am Grabe, zerfloß ich fast buchstäblich in Tränen. Ich war nicht der einzige, denn zum Glück gehörte ich - wie ein gefühlsarmer 'Filmrezensent' es bezeichnete - zu "den riesigen Horden von Taschentuchbrigaden, die damals die Kinokassen bestürmten" (siehe Robert Hofmans 'Speelfilm-Encyclopedie 1982' und deren Echo bis heute im Internet).

- Die Ave Maria-Aufnahmen aus dem Jahre 1953
Die österreichische Aufnahme von 'Ave Maria' für den Film wurde mit dem Wiener Symphoniker Sommer 1953 gemacht, und die erste Berliner Plattenaufnahme für Electrola/EMI ein halbes Jahr später. Wilhelm Schüchter dirigiert sowohl in Wien als in Berlin.

Die Electrola-Platte präsentiert in Wirklichkeit ein Duett von Schock mit dem Violisten Helmut Heller. Im Hintergrund klingt ein Chor-ohne-Namen. Rudolf Schock singt mit geziemender Lyrik, aber nie salbend. Die Zeile 'Jetzt und in der Stunde unseres Todes (nunc et in hora mortis nostrae)' verrät Emotion und Mut.
Profil-Edition Günter Hänssler bietet die Aufnahme auf CD Nr. PH08058 an. Auf der CD sind u.a. Szenen aus Opern (worunter Gounods 'Faust') und Operetten, mitsamt Salonlieder zu hören.

- Das 3. 'Ave Maria' am 26. Januar 1953
kommt aus der Rudolf Oetker Halle in Bielefeld. Wilhelm Schüchter leitet die Nordwestdeutsche Philharmonie. Der Bielefelder Kinderchor sorgt für die feierliche Umrahmung. Die Harfe ersetzt jetzt die Violine. Schock singt prominenter im Vordergrund und ist etwas dramatischer als in der älteren Electrola-Aufnahme, aber er sentimentalisiert nicht.
U.a. auf der alten EMI-CD: 545-CDM 7 69475 2 mit Operette und sechs willkürlich kombinierten Liedern und auf CD 2 der ersten Schock-10CD-Box von Membran/Documents ist dieses 'Ave Maria' zu hören. Die EMI-CD klingt besser als die von Membran.

Der Bielefelder Kinderchor in der Rudolf Oetkerhalle (Bielefeld 2011)
Dirigent: Jürgen Oberschelp (Friedrichs Sohn)
















(Rudolf Schock machte mit dem Bielefelder Kinderchor von Friedrich Oberschelp (1895-1986) in der Mitte des vorigen Jhts. einige besonders erfolgreiche Aufnahmen für Electrola.
Der wohllautende, ehrliche Klang von sowohl Kinderchor als Tenor triumphierte über den Gefühlsüberschwang, die bei solcher Zusammenarbeit schon schnell auf der Lauer liegt.
Es freute mich. zu lesen, daß der Chor noch immer konzertiert und jetzt schon mehr als achtzig Jahre jung ist).

- Die stereo Eurodisc-Aufnahme am 21. Juni 1967
ist die der Schlichtheit. Schocks Klangrahmen: Harfe, Orchester und ein zurückhaltender Günther-Arndt-Chor ist betont einfach. Die Nuancen in Schocks Vortrag zeigen, daß sein Umgang mit Texten in den Sechzigern noch stärker geworden ist. Vokal ist er perfekt in Form. Der Dirigent Werner Eisbrenner verdient viel Lob für das stilvolle Arrangement. Von Schocks drei 'Ave Maria'-Aufnahmen auf Schallplatte ist diese für mich die schönste.












Sie kommt vor auf der CD 'Die großen Erfolge: Rudolf Schock Stimme für Millionen' Nr.610229-231 von Sony/Ariola und ist als Download erhältlich.

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Auch das ist von Gounod: Eine Schock-Rarität
Auf der Rudolf Schock-Website von Rob van Brink betreut Schock-Kenner Ludwig Stumpff die Übersichten mit Aufnahmen und lieferbaren CDs von Rudolf Schock. Daneben listet er sorgfältig die Namen der Gesangssolisten und Dirigenten auf, mit und unter denen Schock während seiner Laufbahn zusammengearbeitet hat.

Manches Mal schon empfing ich von Herrn Stumpff besondere Tips. So verwies er anläßlich des Artikels über Charles Gounod auf ein altes Tonband, worauf ein junger Rudolf Schock im Radio - mit Orchesterbegleitung und auf Deutsch - ein Lied von Gounod singt. Die Aufnahme stammt - wenn man sich Schocks Gesang anhört - wahrscheinlich aus der 2. Hälfte der vierziger Jahre. Der Titel des operettenhaft anmutenden, etwas mehr als zwei Minuten dauernden Liedchens lautet: 'Liebchen, komm' in's duft'ge Grün'. Leider waren nicht mehr Daten vorhanden. Einige Nachforschungen im Internet führten zu den folgenden Annahmen:

Das Lied(chen) ist ursprünglich ein 'Chanson de Printemps', ein Salonlied, das von Gounod in der Mitte des 19. Jhts geschrieben wurde. Er schrieb deren mehr, aber das französische Chanson, das überdeutlich zur von Schock gesungenen, deutschen Übersetzung paßt, habe ich (noch) nicht finden können.
'Chanson de Printemps'
Gemälde von William Alphonse Bougereau
1825-1905 













In der Zeitschrift 'Deutsche Wacht an der Donau', einem 'Deutsch-Ungarischen Organ für Vermittlung der politischen, geistigen und Cultur-Interessen Deutschlands und Österreich-Ungarns' veröffentlicht am 6. Mai 1894 ein Journalist mit den Initialen B.N. einen aus dem Französischen übersetzten (!) Aufsatz unter der Überschrift 'GOUNOD'S FRÜHLINGSLIED'. Der Aufsatz versetzt den nostalgischen Leser ins Herz des 19. Jhts, worin Gounods Liedkompostionen sehr beliebt waren: "....Da tönte ein altes Lied an unser Ohr....ich war in einem Café chantant, das - im Gegensatz zu anderen Etablissements, die nach Novitäten jagen, alte Lieblinge hervorsucht. Nun, da erschien eine junge Frau und sang ein Jahrzehnte altes Lied von Gounod: 'Liebchen, komm' mit in's duft'ge Grün'....Die Sängerin kümmerte sich weder um Text noch um Musik, sie schmetterte mit ihrer frischen Stimme die Töne hervor, in mir aber rief sie eine Welt von Erinnerungen wach. Ich hatte das Lied zum erstenmale in einer kleinen Stadt gehört, im Geiste sah ich die öden Straßen, in denen das Gras wuchs...den langsam fließenden Bach, der sein Spiel mit den Wasserpflanzen treibt, und der dazumal das Bild meiner ersten Jugend war, träge und nur halbbewußt, erfüllt von schüchternem Verlangen, von blühenden Träumen. Die Vergangenheit erhob sich auf's Neue; ich war in einem dürftig eingerichteten Salon, und ein junges Mädchen von zwanzig Jahren befand sich am Flügel, Gounod's Lied singend. Da standen die Rohr-Fauteuils, zwischen den beiden Fenstern, deren halbgeschlossene Läden kaum einen Sonnenstrahl durchließen, befand sich der Flügel, vor ihm die Sängerin in hellem Kleide, mit gelocktem Haar - all das sah ich vor mir, alle einstigen Empfindungen kehrten wieder. Das junge Mädchen hieß Eveline, sie war bleich und schmächtig und hatte einen stolzen, hochmüthigen Blick. Ihr kränkliches Aussehen, ihre zurückhaltende Weise erfüllten mich mit Bewunderung. Sie erschien mir gleich einem Engel, der sich über den Erdenstaub erhebt, ich liebte sie und eine Stimme in meinem Innern rief ihr zu: 'Liebchen, komm' mit in's duft'ge Grün."...

Nach Gounods Tode im Jahre 1893 kauft und bearbeitet Eduard Strauß (1835-1916), ein jüngerer Bruder von Johann Strauß Jr., die Musik dieses 'Frühlingsliedes'. Der französische Text wird ins Deutsche übersetzt (und - wie ich glaube - vereinfacht), und von diesem Moment an lautet das 'Frühlingslied' auf den Namen: Eduard Strauß, zwar mit der Hinzufügung: 'nach Charles Gounod'. Anschließend spielen "Komponist und Hofballmusik-Director Eduard Strauß" und seine "Kapelle" das zum kleinen Wiener Operettenwalzer transformierte Lied während Konzertreisen durch Europa und Nordamerika.

(Der Hergang beim 'Frühlingslied' erinnert an das, was Godards 'Berceuse' passierte (siehe 'RS singt Godard'). Zwei Versionen desselben Liedes. Eine davon eine religiös gefärbte Opernarie, die andere eine leichtere, weltliche 'Neu-Übersetzung', woraus der Originalinhalt fast völlig verschwunden ist).

Auf dem Tonband von Herrn Stumpff singt Rudolf Schock in einer alten Rundfunkaufnahme das 'Frühlingslied von Gounod/Strauß'. Er 'schmettert mit frischer Stimme die Töne so jubelnd hervor', daß am Ende der Hörer mít dem Orchester noch eine Weile nachwirbelt (Hören Sie ganz oben im 1. Teil dieses Textes!).


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'Faust et Marguerite' von Charles Gounod:



Dr. Johannes Faust
(sehen Sie sich auch die schöne Webseite
www.johannfaust.de an) 



Achtung jetzt! Es läßt sich über den Magier FAUST und dessen Wanderungen durch Goethes gleichnamiges Lebenswerk dermaßen vieles erzählen, daß ich bis zum Äußersten beherrschen muß, diese Straße nicht einzulenken. Sie würde mich zu weit von Charles Gounod und Rudolf Schock führen. Deshalb ziehe ich nur eine gerade, rote Linie vom ursprünglichen Dr. Faust via Johann Wolfgang von Goethe nach Gounod.

Doktor JOHANNES (oder GEORG) FAUST lebte in Deutschland von 1480 bis 1540. Er beschäftigte sich mit schwarzer Kunst, Sterndeuterei und hatte eine Praxis als Quacksalber. Man munkelte, er stehe in enger Verbindung mit dem Teufel. In dem als abschreckend gemeinten, mittelalterlichen 'Volksbuch vom Doktor Faustus' wird er als Gelehrter porträtiert, der von allem alles wissen will und zu der Schlußfolgerung gelangt, es gebe keinen Gott.
Damit verspielt er seine Seele und Seligkeit.
In einem Volksstück gleichen Inhalts führt man ihn dann 'leibhaftig' vor, und schließlich arbeitet man dieses Stück zum pädagogischen Puppenspiel "für unsere Kleinen' um. Es ist diese "bedeutende Puppenspiel-Fabel", die Goethe als Kind sah und die seine literarische Kunst ein ganzes Leben dominieren sollte: "Sie klang und summte gar vieltönig in mir wider".
Im Jahre 1775 - Goethe ist dann 26 Jahre alt - entsteht seine allererste Theaterversion: der sogenannte "Urfaust" mit der 'Gretchen-Geschichte', die auf ein wahres Ereignis zurückgreift.
Im Jahre 1806 - er ist 57 - veröffentlicht Goethe die Tragödie 'Faust, 1. Teil' in philosophisch vielschichtiger Form, und letzten Endes 1831 - durchbricht 'Faust, 2. Teil' alle dramatischen Konventionen.
Goethe stirbt ein Jahr später.






Im kurzem die Handlung von Goethes 'Faust 1 & 2':

Goethes Seelendrama zeigt - ganz global gesprochen - den beschränkten Menschen auf der unermüdlichen Suche nach dem Geheimnis der Welt und des Alls, das sie umgibt.
Heinrich(!) Faust ist alt und stellt verzweifelt fest, er wisse am Ende eines lebenslangen Studiums und Untersuchens noch genausoviel wie damals, als er in seiner Jugend damit anfing.
Wenn er den Giftbecher an die Lippen setzt, erscheint ihm der Teufel (Mephisto). Mephisto spiegelt Faust weltliche Schätze wie Reichtum, Macht und Sinngenuß vor: das große Glück auf Erden, das der nur aufs Höhere gerichtete Gelehrte niemals habe genießen können. Aber Mephisto gönnt ihm eine Hoffnungsrunde: Faust könne jenes vielumfassende Glück als junger Mann nachholen,und das einzige, was Mephisto als Gegenleistung von ihm verlange, sei - nicht eher als nach dem Erleben all dieses Schönen - die Seele.
Faust läßt sich beim Anblick des bildschönen Gretchens sofort zum Tausch überreden: er sehnt sich auf der Stelle nach ihr. Mephisto verkuppelt Faust und das fromme Gretchen. Faust verführt sie und wird anschließend vom Gefährten Mephisto für eine aufreibende Fahrt durch eine komplexe Welt ins Schlepptau genommen.
Ein schwangeres Gretchen bleibt erschüttert zurück. Sie fühlt sich unendlich sündig, wird wahnsinnig und ermordet ihr neugeborenes Kind. In Erwartung der Vollstreckung des Todesurteils bringt man die Kindermörderin hinter Gitter. Sie stirbt, betend in der Zelle, in dem Augenblick, da Faust zurückkehrt und sie befreien will. Faust - ganz und gar in Sünde und Schuld verstrickt - scheint nun endgültig der Macht des Teufels überliefert zu sein.

Im 'Zweiten Teil' reist Faust mit Mephisto durch eine höhere, aber nicht weniger komplexe Welt. Dort findet Faust die Ruhe nützlicher Arbeit für die Gesellschaft. Mephisto verliert die Macht über ihn. Faust setzt seine Zuversicht auf Gott. Wenn er stirbt, steht nichts seine Himmelfahrt mehr im Wege.

Gounod und Goethes 'Faust'
Charles Gounod 1859

















Die Textbücher beinahe aller Gounod-Opern - 'Faust et Marguerite' einbegriffen - wurden von Jules Paul Barbier (1825-1901) und Michel Carré (1819-1872) verfaßt.
Barbier und Carré zeigten sich in 'ihrem' 19. Jahrhundert vertraut mit dem Komprimieren, Simplifizieren und neu Inszenieren der Werke literarischer Größen. Bei Gounod geschah das einem Goethe ('Faust et Marguerite') und Shakespeare ('Roméo et Juliette'), beim Komponisten Ambroise Thomas wiederum Goethe und Shakespeare (bzw. in 'Mignon' und 'Hamlet') und bei Jacques Offenbach war der Dichter/Komponist E.T.A. Hoffmann das 'Opfer' ('Les contes d'Hoffmann (Hoffmanns Erzählungen)'.Was 'Faust et Marguerite' betrifft, müssen die Auffassungen von Barbier & Carré über was 'romantisch' ist, komfortabel auf die von Gounod angeschlossen haben. Auffassungen einer behaglichen 'Romantik' die zur 2. Hälfte des 19 Jhts. gehörte, aber in mancher Hinsicht dem ähnlich war, was auch heute noch 'romantisch' genannt wird. Der Komponist muß besonders von der Liebesaffäre zwischen dem verjüngten Faust und dem tief religiösen und keuschen Gretchen beeindruckt gewesen sein: einer Affäre - wie wir Niederländer reimen: "van twee geloven op een kussen met de duivel ertussen (zweier Glauben auf einem Kissen mit dem Teufel dazwischen)". Gounod erfindet hinreißende Melodien dazu: bald lyrisch und intim, bald heftig dramatisch, je nach den Stimmungen der Hauptpersonen und den Lagen, in die sie geraten.Mit Goethes Tragödie aus dem Jahre 1806 ('Faust 1') hat Gounods 'romantische' Faust-Oper nur noch einen - übrigens ansprechenden - Teil der äußerlichen Handlung gemein. 'Faust 2' aus dem Jahre 1831 kommt bei Gounod gar nicht ins Bild.

Handlung von Gounods 'Faust et Marguerite':

1. Akt:
Der alte und in der Wissenschaft enttäuschte Dr. Faust verkauft
Mephisto(pheles) seine Seele. Als Gegenleistung gibt Mephisto Faust dessen Jugend zurück. Er verspricht, ihn und Marguerite zusammenzubringen. Ein Porträt des Mädchens verschlägt Faust den Atem.
2. Akt:
Valentin, Soldat und Marguerites Bruder, ist im Begriff, ins Feld zu ziehen. Er betet Gott, die Schwester vor Gefahren zu beschützen (Valentins Gebet). Mephisto und Faust betreten den Marktplatz. Mephisto peitscht das anwesende Volk mit einem wilden Lied auf, worin er die Macht des Geldes verherrlicht (Rondo vom goldenen Kalb). Auch macht er Valentin gegenüber spöttische Bemerkungen über Marguerite. Dies führt zum Duell. Natürlich ist Valentin chancenlos, aber er überlebt dank des Kreuzgriffs seines Schwertes. bei dessen Anblick Mephisto den Kampf abrupt abbricht. Wenn Walzermusik erklingt, und das Volk begeistert zu tanzen anfängt, kommt gerade Marguerite aus der Kirche. Fausts Angebot, sie zu begleiten, lehnt sie ab. Mephisto rät Faust,
geduldig abzuwarten.
3. Akt:
Marguerites Garten in der Abenddämmerung. Der jugendliche Verehrer Siebel pflückt Blumen für Marguerite und macht Augen, wenn er sieht, daß die Blütenblätter bei seiner Berührung sofort verwelken.
Mephisto zeigt sich mit Faust im Garten, aber geht wieder fort, um auch ein Präsent für Marguerite zu holen. Faust besingt lyrisch die Keuschheit und den Frieden der "heil'gen Stätte", wo Marguerite aufgewachsen ist (Fausts Rezitativ und Kavatine).
Mephisto kehrt außerirdisch schnell zurück und legt ein Kästchen mit kostbarem Schmuck neben die verkümmerten Blumen. Er und Faust verstecken sich.
Marguerite tritt in den Garten herein, voller Gedanken über den fremden Herrn, der sie anredete. Ein wehmütiges Lied über den 'König in Thule' spiegelt ihre Stimmung wider. Dann findet sie den Schmuck (Juwelen-Arie).
Sie zweifelt: darf sie den Schmuck wohl behalten? Sie fragt es ihre Nachbarin (Marthe), und diese legt ihr nahe, die Juwelen schlechthin als Geschenk zu akzeptieren. Mephisto und Faust kommen zum Vorschein. Mephisto lenkt lüstern die Nachbarin ab und schaltet den süßen Duft der Blumen ein, um Marguerite zu zu berauschen (Szene des Mehisto: 'Es war wohl Zeit').
Faust erklärt Marguerite seine Liebe und Marguerite kann nicht anders als bejahen, sie liebe ihn auch (Duett Marguerite/Faust). Kurz noch möchte Faust - von der Unschuld des Mädchens ergriffen - sich zurückziehen, aber Mephisto redet ihm das aus. Faust wirft sich Marguerite in die Arme, während sich Mephisto bösartig lachend in der Nacht auflöst.
4. Akt:
Es sieht danach aus, dass Faust Marguerite verlassen hat
Marguerite wird von ihrer Liebe für Faust und der wachsenden Erkenntnis, eine grosse Sünde begangen zu haben, zerrissen. In der Kirche versucht sie, Gott um Verzeihung zu beten, aber Mephisto behindert das.
Die Soldaten kehren aus dem Krieg zurück (Soldatenchor). Unter ihnen Valentin, der von Siebel erfährt, was mit Marguerite geschehen sei.
Faust ist inzwischen - sich dem Willen Mephistos widersetzend - doch zu ihr gegangen, was Mephisto dazu veranlässt, dem Mädchen ein sarkastisches Ständchen zu bringen (Serenade von Mephisto).
Valentin stürzt in die Wohnung seiner Schwester und fordert Faust zum Duell. Mephisto pariert in angemessener Entfernung Valentins gefährliche Stösse, wodurch Faust die Gelegenheit bekommt, Valentin tödlich zu verletzen. Der sterbende Valentin verflucht die Schwester. Marguerite ist völlig von Sinnen.
Marguerite wird von ihrer Liebe für Faust und der wachsenden Erkenntnis, eine große Sünde begangen zu haben, zerrissenIn der Kirche versucht sie, Gott um Verzeihung zu beten. Mephisto behindert das.Die Soldaten kehren aus dem Krieg zurück (Soldatenchor). Unter ihnen Valentin, der von Siebel erfährt, was mit Marguerite geschehen sei. Faust ist inzwischen - sich dem Willen Mephistos widersetzend - doch zu ihr gegangen, was Mephisto dazu veranläßt, dem Mädchen ein sarkastisches Ständchen zu bringen (Serenade von Mephisto). Valentin stürzt in die Wohnung seiner Schwester und fordert Faust zum Duell. Mephisto pariert in angemessener Entfernung Valentins gefährliche Stöße, wodurch Faust die Gelegenheit bekommt, den Gegner tödlich zu verletzen. Der sterbende Valentin verflucht seine Schwester. Marguerite ist völlig von Sinnen.
5. Akt:
Faust erlebt auf dem Blocksberg (dem höchsten Berg des Brockengebirges im Harz) ein Bacchanal während eines Hexensabbats. Mephisto beschwört bei Faust Visionen von Frauengestalten aus dem klassischen Altertum herauf sowie das grauenhafte Bildnis einer totenblassen Marguerite mit einem blutroten Streifen um den Hals. Faust zwingt Mephisto dazu, ihn unverzüglich zu ihr zu führen.


'Walpurgisnacht: Mephisto beschwört Vision von Marguerite herauf'
Lithographie von Eugène Delacroix










Die wahnsinnig gewordene Marguerite wartet im Gefängnis auf ihre Hinrichtung. Sie hat ihr Kind getötet, aber ist sich dieser Tat nicht bewußt. Sie wiegt das Kind in den Armen. Faust erscheint und will mit ihr fliehen. Marguerite weiß nicht mehr, wer er ist, aber allmählich (Gounods Musik hilft) kehrt die Erinnerung an ihre nächtliche Begegnung im Garten zurück (Szene Faust/Marguerite: 'Welch tiefer Jammer drückt mich nieder'). Mephisto stürmt herein. Er drängt zur Eile ("Der Tag bricht an!"). Marguerite erkennt ihn als den Teufel. Ihr graut vor ihm. Sie stößt Faust von sich ab, richtet den Blick nach oben und betet um Schutz vor dem Bösen. Dann stirbt sie.

Die Apotheose - der Höhepunkt, dramatisch und musikalisch imposant - ist ungefähr identisch mit dem Schluss des 1. Teils von Goethes 'Faust'.
Mephisto ruft triumphierend:
"Gerichtet!". Aber ein Engelchor widerlegt vom Himmel: "Gerettet!!", denn "Christ ist erstanden". Marguerites Seele fährt gen Himmel. Was danach mit Faust geschieht, überlassen Barbier, Carré und Gounod dem Opernregisseur. Weil das bei Goethe erst in 'Faust 2' deutlich wird, wählt man meistens für einen vor Wut kochenden Mephisto, der Faust Richtung Hölle schleppt.
    
    lithografie 1835
    'Sie ist gerichtet! Ist gerettet!'
    Wilhelm Hensel
    1794-1861
     
    Die Ausführungspraxis:
    Paris, 19.3.1859
    'Faust et Marguerite' hat - unter diesem logischen Titel - Premiere: die Oper unterscheidet sich ja wesentlich von Goethes Tragödie und geht nahezu nur über die Liebesbeziehung zwischen Faust und Marguerite. Was die Formgebung anbelangt: die Rolle von Marguerites Bruder Valentin ist noch bescheiden, Ballett gibt es nicht, und die Dialoge werden nicht gesungen, sondern gesprochen, im Stil der französischen 'Opéra comique' (sehen Sie auch 'RS singt Adolphe Adam' und 'RS singt Daniël Auber').
    Die französischen Opernliebhaber sind in erster Instanz nicht gerade begeistert. Sie finden die Oper zu "deutsch". Trotzdem werden die Vorstellungen gut besucht.

    Dresden, 1861

    Die deutsche Premiere. In deutscher Übersetzung. Der Titel der Oper lautet: 'Margaret(h)e'!
    Der neue Name der Oper nimmt zwar ein wenig Abstand von Goethe, aber respektiert wohl Gounods Originaltitel.

    Stuttgart, 1861

    Eine Parodie auf Gounods Oper mit als Titel: 'Gretchen', die als Beweis für den damaligen zweifelhaften Status der Oper in Deutschland gelten darf.

    Breslau und Wien, 1862

    In Wien reagiert die Presse scharf abfällig: sie nennt die Ausführung von 'Margarethe' "musikalisches Landesverrat" und eine "Schändung Goethes". Die Wiener Bürger bejubeln jedoch 'Margarethe', und die Oper erlebt eine ausverkaufte Aufführung nach der andren. Aus dem Festspielhaus wird ein "Faustspielhaus".

    London, New York, 1863 und danach

    Im Jahre 1863 werden die gesprochenen Dialoge durch gesungene Rezitative ersetzt. Abgesehen von den deutschsprachigen Ländern wird die Oper in Europa und Amerika fortan kurzweg "Faust" genannt. Sie fasziniert jetzt die ganze Welt: 1864, 1865, 1866 usw.: Erstaufführungen in u.a. Petersburg, Sidney, Mexico, Warschau, Kopenhagen, Lissabon, Batavia (heute Jakarta), Moskau, Konstantinopel (heute Istanbul), Kairo.

    Paris, 1869

    In Paris ist 'Faust' - sicher auch vom weltweiten Ruhm angesteckt - zur allergrößten Opernsensation ausgewachsen. So etwas hatte die Stadt noch nie erlebt. Das Werk hat am 3. März 1869 selbst zum 2. Mal Premiere in der Pariser Oper. Neu sind ein markanterer Valentin mit robuster, eigener Arie (2. Akt), eine heldenhafte Militärumgebung mit Soldatenchor (4. Akt) und einige glänzende Ballettszenen (deren Musik möglicherweise vom in diesem Bereich erfahrenen Lé0 Delibes (1836-1891) komponiert wurde).
    Nach 1875 beginnt aber in Paris und anderswo Bizets 'Carmen' den Ruhm von Gounods 'Faust' zu überflügeln, und nach der Jahrhundertwende läuft das Interesse für 'Faust' weiter zurück.

    In den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts

    ist - nach der Meinung des englischen Musikkritikers Kenneth Fury ('Opera on Record', Hutchinson & Co 1979) - die 'Faust'-Diskographie der Deutschen "kommunikativer" als die der Franzosen.
    Er tadelt zwei 'Faust'-Gesamteinspielungen von EMI aus den fünfziger Jahren, beide unter dem belgischen Dirigenten André Cluytens.

    Berühmtheiten wie Victoria de los Angeles, Nicolai Gedda und Boris Christoff singen in diesen Produktionen zweimal die drei Hauptrollen. Auf den ersten Blick eine vielversprechende Besetzung, aber Fury vermißt "expressive power". Die Aufnahmen sind "uninspiring" ("Faust is not great literature...or subtle music drama"). Das habe - nach Fury - mit Victoria de los Angeles zu tun, aber auch mit Nicolai Gedda, dessen Diktion so "correct" sei. Dazu singt Christoff "langweilig" und dirigiert Cluytens nicht mehr als routinenhaft.

    Eine unvergeßliche 'Faust'-Erfahrung in der Mitte der siebziger Jahre

    Nicolai Gedda als Faust

    Bei einem Kurzurlaub in Paris kommen wir (meine Frau, ein befreundetes Ehepaar und ich) auf die Idee in die Pariser Oper zu gehen. Stehend vor dem Theater fängt das Herz an, schneller zu klopfen, wenn wir sehen, 'Faust' von Gounod werde ausgeführt.
    Nicolai Gedda ist Faust, Mirella Freni Marguerite, Nicolai Ghiauroff Mephisto und Tom Krause Valentin. (Sir) Charles Mackerras dirigiert.

    Mirella Freni (Marguerite)



    Nicolai Ghiauroff als Mephisto











    Die Inszenierung der Vorstellung ist ein Vergnügen. Tom Krause (den ich damals noch nie gehört hatte) macht sofort Eindruck, Mirella Freni singt eine empfindliche Marguerite, Ghiauroffs Mephisto hat aber bemerkenswert wenig Drohung und Gedda zeigt sich als Faust zu wenig an der Handlung beteiligt. Die Kavatine im 3. Akt - einschließlich des hohen C - klingt schön, aber bleibt nicht hängen.
     Inzwischen freue ich mich außerordentlich aufs grandiose Finale der Oper: die APOTHEOSE mit dem Engelchor (siehe hieroben)! Wenn aber das große Moment da ist, erlebe ich eine abgrundtiefe Enttäuschung, die eis- und eiskalte Dusche, die endgültige Antiklimax: die erlösende Engelschar klingt nicht vom Himmel, sondern - dünn und metallisch - vom Pariser Techniktisch-Tonband herunter. Offenbar war die Chorsänger-Gewerkschaft dagegen, daß am späten Opernabend noch live gesungen wurde.

    Rudolf Schock singt 'Faust et Marguerite'
    Nach der Pariser Ernüchterung überspiele ich zuhause direkt die deutschsprachige 'Margarete'-LP aus dem Jahre 1963:

    Hilde Güden als Margarete












    Hilde Güden (1917-1988) ist das Gegenteil einer (über)empfindlichen Margarete. Stimme und Vortrag zeugen von einem starken Geist. Es gelingt Güden an einigen Stellen auch noch den deutschen Gesangstexten französische Beweglichkeit mitzugeben ('König in Thule'/'Juwelen-Arie'). Ein einziges Mal verliert sie dabei eetwas von ihrer Textdeutlichkeit.
Hugh Beresford



    
    Das Gebet Valentins, ihres Bruders, wird von Hugh Beresford (1925) überrumpelnd gesungen. Der englische Heldenbariton sollte zehn Jahre später in Wien und Bayreuth als Heldentenor imponieren.
    
    Gottlob Frick als Mephisto










    Gottlob Frick (1906-1994), der "Schwärzeste aller Bässe" ist - figürlich und buchstäblich - hinreißend: ein leibhaftiger Teufel mit beißendem Spott.
    
    Rudolf Schocks Faust singt vor allem expressiv. Ich muß mich so nach und nach wohl wiederholen, wenn ich noch einmal Schocks äußerst sorgfältigen und vollkommen natürlichen Umgang mit dem Text lobe (Rezitativ und Kavatine im 2. und Zwiegesang mit Hilde Güden im 3. Akt!
     
    Rudolf Schock als Faust












    Auf Schocks fabulöse Darstellung der Faust-Arie 1951 in einer Rundfunksendung komme ich noch zu schwärmen, aber hier (um mit Fausts Text zu sprechen: "ja, híer...") - im Jahre 1963 - hört man interpretativ die wohllautende Erinnerung daran. Was wir jedoch von Schock nicht bekommen, ist ein - echtes - hohes C. Das braucht eine Erläuterung: Kenneth Fury geht in 'Opera on Record' (siehe hieroben) näher auf die Faustfigur in Gounods Oper ein: "Die Rolle von Faust... fordert Ausdrucksfähigkeit und deutliche Textübertragung...(purity, sweetness and breath control for the cavatina and the garden scene duett)... Die Arie ist furchtbar schwierig. Nicht so sehr wegen der Noten, die - das hohe C ausgenommen (eine bedeutende Ausnahme, seit diesem C nicht mehr ausgewichen werden kann) - zum Arsenal jedes professionellen Tenors gehören sollten. Aber wegen der absoluten Bequemlichkeit, womit die Noten - wie Gounod es beabsichtigte - gebildet, miteinander verbunden und kontrolliert werden müssen.....Der Tenor, der nicht zur langen Legato-Linie imstande ist.... hat wenig Chance, emotionell zu überzeugen...".
    Warum man (heutzutage) dieses hohe C unbedingt singen sollte, läßt Fury unkommentiert. Ich glaube nicht, er meine, daß wir inzwischen eine höhere Stufe musikalischer Kultur erreicht haben. Denkbar aber ist, er spiele auf die hohen Ansprüche des heutigen Musikliebhabers und/oder die Diktatur von Media und Markt an.
    Von Richard Tauber weiß die Musikwelt, er "hätte nicht" das hohe C (und B). In u.a. der Faust-Arie beschränkt er sich auf einen kurzen Notensprung in die erwünschte Richtung. Aber er scheint sich nicht oder kaum darum gekümmert zu haben: Für die restliche Arie blieb ja in seinem hervorragenden Gesang mehr als genug Prachtvolles übrig. In Rudolf Schocks älteren Kavatine-Aufnahmen kommt das hohe C wohl zur Geltung (am schönsten 1951). In der Biographie vermerkt Schock, wenn er über seinen jüngsten Bruder Gerd spricht: "Wenn man ihn nachts weckte und ihm sagte: "Sing mal das hohe C!" konnte er es - buchstäblich aus dem Schlaf heraus" und etwas weiter: "Ganz im Gegenteil zu mir. Ich mußte es erst einsingen". Ich halte es denn auch für durchaus logisch, daß der älter werdende und allmählich baritonaler timbrierte Rudolf Schock nach den Fünfzigern das hohe C nicht mehr bringen konnte. Die Tontechniker der 'Margarete'-Aufnahme lösten 1963 das Problem durch eine 'Tontransplantation', die selbst mit einem guten Kopfhörer kaum zu hören ist. Der technische Eingriff fällt aber doch noch durch die Unmöglichkeit auf, daß Schock nach dem C die Worte "voll bange Lust" sofort - ohne erst Atem zu holen - weitersingt. Aber genauso wie bei Tauber bleibt in Schocks Darstellung für die restliche Arie mehr als genug Prachtvolles übrig.

    Wilhelm Schüchter
    (Photo: Electrola-Archiv)


    










       

      Wilhelm Schüchter dirigiert Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin so, daß die Funken sprühen. Der Stereoton - Restaurierung und Remastering 2008: Yokio Takahashi und Andreas Torkler - ist großartig (hören Sie sich z. B. der gelungenen Apotheose der Oper an!!).

      1963/2008
      Sony/Eurodisc brachte vor vier Jahren 'Margarete' auf CD heraus (Nr. 88697 30641 2). Inzwischen ist sie auch als Download erhältlich.
      

    Der niederländische Musikrezensent Klaas A. Postuma ist in den Sechzigern so begeistert über die 'Margarete'-LP, daß er schreibt: "Ich möchte Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin ohne Bedenken für die Niederländische Oper übernehmen!".
    Kenneth Fury ('Opera on Record' 1979) nennt die Aufnahme "certainly more communicative than the excerpt LPs that have come out of France in the sixties" und er findet Hilde Güden eine "lovely Marguerite".

    Werner Bollert ('Fonoforum' November 1964) stellt fest: Hilde Güdens Stimme erreicht erst im Schlußteil ein markanteres Profil. Sie singt "mehr aus der Routine der erfahrenen Bühnensängerin. Rudolf Schock hingegen hält durchgehend ein gutes Niveau, das künstlerisch befriedigt. Gottlob Frick setzt seinen zwar undämonischen, aber ergiebigen Baß für die Rolle des Mephistopheles ein". Hugh Beresford singt "mit großer Stimme" und die verdiente Ursula Schirrmacher (siehe 'RS singt Adam') als Siebel ist lediglich in ein paar kleineren Passagen zu hören.

    Johann Telbenbacher hört ('Amazon.de': 2012) eine rührende Margarete von Hilde Güden, einen dämonischen Mephisto von Frick und einen Rudolf Schock, der "ausgezeichnet bei Stimme" ist (und "mühelos das hohe C" singt). Schüchter leitet das Orchester "temperamentvoll" und ist ein "großartiger Kapellmeister der alten Schule".

    Laut Ekkehard Pluta ('Opernwelt'November 2008) "kommt der Gounod'sche Mephisto bei Frick in der Maske des Biedermanns daher" Fricks Gesang stimmt Pluta in jeder Hinsicht zufrieden. "Die reife Hilde Güden trifft den Tonfall des jungen Gretchen überzeugend...Beresford schmettert Valentins Gebet höhensicher", und Schocks "vokale Eloquenz siegt über" eine zunehmende Mühe im höchsten Register.

    1938:
    Rudolf Schock spielte vor dem Krieg in Braunschweig in der Oper 'Faust' die Rolle von Siebel (siehe ganz oben). Meistens wurde und wird Siebel von einer Mezzosopranistin gesungen. Oder von einer Soubrette, einer leichten, lyrischen Sopranistin wie Ursula Schirrmacher in der soeben besprochenen 'Margarete'-Aufnahme.
    In der Schallplattengeschichte signalisiere ich nur ein einziges Mal einen tenoralen Siebel. Im Jahre 1967 ist es der leichte, lyrische und berühmte Tenor Luigi Alva, der diese Rolle auf Melodram-Schallplatte singt: es handelt sich um eine Live-Ausführung unter Georges Prêtre mit noch einmal Mirella Freni als Marguerite und dem schweren Tenor Gianni Raimondi als Faust. Leo Riemens (bekannter, niederländischer Opernkenner) war unglücklich mit einem Tenor als Siebel, aber an und für sich ist es nicht unlogisch, diese Rolle einem (jungen) Mann anzuvertrauen. Das ruft aber schnell das Bedürfnis nach einem (vielleicht zu) reif klingenden Faust hervor. Jedenfalls besagt die Tatsache, dass Schock 1938 Siebel sang, vielleicht etwas über sein damaliges Timbre.

    1951:
    Rudolf Schock sang am 7. September d. J. für den Westberliner Rundfunk Fausts Arie 'Salut, demeure chaste et pure', ohne Rezitativ und in deutscher Sprache.



    Gustav König (1910-2005), der zwischen 1943 und 1975 als Generalmusikdirektor vor allem seinen Stempel auf das Musikleben in der deutschen Stadt Essen drückte und sich besonders für das Werk moderner Komponisten einsetzte, dirigierte das RIAS Symphonie Orchester.
    Die Aufnahme kommt vor
    - auf Sonia CD 74503, und ist eine perfekte Produktion vom 'Fonoteam Hamburg' aus dem Jahre 1985 (damals noch auf LP).

    - als einer der Bonustracks bei der Gesamtaufnahme von Aubers 'Fra Diavolo' auf Relief-Kassette CR 1909 (siehe auch 'RS singt Daniël Auber'). Auch Reliefs Digitalisierung ist ausgezeichnet.

    - in der schon oft erwähnten 10CD-Box von Membran/Documents: 'Rudolf Schock, seine schönsten Lieder aus Oper, Operette und Film' (Order No 232541)


    Ich setze diese - wie ich schon schrieb - fabulöse Aufnahme ohne Zögern in die lange Reihe großer Schockleistungen. Kenneth Fury konnte Schocks Leistung 1979 noch nicht gehört haben, aber ich glaube, er hätte sie am sehrsten gelobt. Sie hat alles was Fury für eine ideale Ausführung der Arie notwendig achtet: Expression, Textdeutlichkeit, Reinheit ("purity"), liebenswürdige Zärtlichkeit und Atemkontrolle. Fausts Stimme klingt zugleich sensuell und verschämt, erfüllt von "banger Lust" und tiefe Ehrfurcht vor Margarete, für die das Leben nach ihrer Bekanntschaft mit ihm eine furchtbare Wendung nehmen sollte.
    Hinter Schocks Darstellung von Text und Musik ist einfühlbar, was im Herzen Fausts umgeht.

    1957:Auf EMI 545-CDM 769474 2 'Rudolf Schock, Opernarien' und auf Profil PH08058 (Edition Günter Hänssler) 'Rudolf Schock: Funiculi, Funicula' ist Schocks 'Gegrüß sei mir, o heil'ge Stätte' noch einmal auf deutsch zu hören. Diesmal mít dem Rezitativ: 'Welch unbekannter Zauber faßt mich an'.
    Wilhelm Schüchter leitet die Berliner Symhoniker.

    Nach packendem Rezitativ singt Schock die Kavatine selbstsicher und mit Flair. In der Mitte der Arie akzentuiert er überraschend, fast fieberhaft: "híer, ja híer..." und "voll süßer Zauber. Aus dem verschämten Faust aus dem Jahre 1951 ist nun ein gewandter Mann von Welt geworden.

    1978:
    Rudolf Schocks - letztes - Opernrecital mit dem Titel 'Für meine Freunde' und Fried Walter als Dirigent (Eurodisc-LP 200 090-366), ist u.a. interessant, weil Schock nachholt, was er in einer früheren Phase seines Lebens ablehnte (siehe 'RS, Sänger und Darsteller'): er singt nicht nur Tenorarien, sondern auch
    Arien, die für Bariton geschrieben sind. Schock sagt darüber: "Dies ist selbst für einen lyrischen Tenor, der immer eine gute Tiefenlage hatte, ungewöhnlich genug, und wenn die Baritonpartien auf dieser Platte nicht 'tenoral' klingen, sondern - wie ich meine - glaubhaft und dem Stimmfach des Bariton adäquat interpretiert sind, so darf ich ein klein wenig stolz darauf sein".

    Rudolf Schock gibt sich tatsächlich alle Mühe, die Stimme in Tonios Prolog aus 'I Pagliacci', in Wolframs 'O du mein holder Abendstern' aus 'Tannhäuser' únd 'Valentins Gebet' aus 'Faust/Margarete' schön dunkel einzufärben. Die Folge dieser Anstrengung ist aber, daß Schocks übliche, vokale Spontanität ein wenig zurückbleibt und der Vortrag hier und da etwas einförmig auf mich wirkt. Valentins Gebet ("Da ich nun verlassen soll") kommt am besten davon:
    nach verhaltenem, drohend klingendem Anfang kriegt Rudolf Schock das Lied allmählich in den vertrauten Griff, und gelingt ihm zur Klimax hin eine gefühlsstarke Steigerung.

    Krijn de Lege, 20.12.2012/25.6.2016


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