15.04.11

RUDOLF SCHOCK SINGT CARL BOHM

Rudolf Schock singt 'Still wie die Nacht' von Carl Bohm

'Still wie die Nacht und tief wie das Meer
soll deine Liebe sein.
Wenn du mich liebst, so wie ich dich
will ich dein eigen sein.
Heiss wie der Stahl und fest wie der Stein
soll deine Liebe sein!'

Der Name des Dichters wurde uns nicht überliefert, und der Text sollte ein 'altdeutscher Liebesreim' aus - wahrscheinlich - dem 15. oder 16. Jht. sein. Der in der 2. Hälfte des 19. Jhts. besonders respektierte Komponist/Pianist Carl Bohm vertonte das kleine Gedicht für Gesangstimme und Klavier ('Lieder Opus 326', Nr. 27) und u.a. Rudolf Schock sang es in Konzertsälen, Fernsehsendungen und Schallplattenstudios.

Carl Bohm (1844-1920)
Carl Bohm
Nach einer englischen Enzyklopädie galt er einst als "A leading German songwriter of the 19th century". Carl Bohm war produktiv als Komponist und seine Musik fand beim breiten Publikum Gefallen. Mit dem Geld, das mit dem Verkauf seiner 'Salonkompositionen' verdient wurde, konnte Musikverlag Simrock die Herausgabe der Werke von Johannes Brahms finanzieren.

'Salonkompositionen'
Die 'Salonmusik' des 19. Jhts. war eine Fortsetzung der 'Kammermusik durch und für den hohen Adel' aus dem 17. und 18. Jht.

Franz Schubert (1797-1828 - siehe auch 'RS singt Berté') schrieb 'Salonmusik' (Kammermusik/Lieder) und führte die Werke in den grossen Salons der wohlhabenden Bürgerschaft aus.
Robert Schumann (1810-1856) distanzierte sich jedoch von der Gattung, die nach seiner Meinung in zunehmendem Masse an Niveau verlor.

Tatsächlich entwickelte sich die 'Salonmusik' im fortschreitenden 19. Jht. zu einem Wühltisch mit allerhand eingängigem Ohrenschmaus: ausser zugänglichen Kunstliedern (wie 'Still ist die Nacht' und Giordanis 'Caro mio ben'), Kammermusik und virtuosen Klavierwerken (Chopin!) rechnete man allmählich ebensogut gefühlvolle Volks-, Opern- und Operettenlieder dazu, die nicht nur gesanglich, sondern auch in geglätteten Kammermusikversionen dargeboten wurden (Arien/Lieder von Von Flotow, Massenet, Godard, Ganne, Händels 'Largo', Gastaldons 'Musica Proïbita', Tosellis 'Serenade' und De Yradiers 'La Paloma' usw.).    
Frédéric Chopin tritt in Salons auf

Ausserordentlich beliebt (und  bekritisiert) waren (und sind!) Bearbeitungen von Kompositionen grosser Tondichter wie z. B. Beethoven und Bach.

Philipp Friedrich Silcher (1789-1860) wurde so für 'Heil'ge Nacht o giesse du' (siehe 'RS singt Beethoven') verantwortlich und Charles Gounod (1818-1893) für seine 'Méditation sur le prélude no.1 de Bach', die als weitbekanntes 'Ave Maria von Bach/Gounod' um die Welt ging).
Noch einige 'Salonlieder' brachten es zu kirchlichem Status: das 'Largo' (aus der Händel-Oper 'Xerxes') bei Beerdigungen, Bohms 'Still wie die Nacht' bei Trauungen und 'Caro mio ben' bei beiden Feierlichkeiten.

Auch im 20. Jht. wäre noch eine ganze Reihe Liedkompositionen für den Gattungsnamen 'Salonlied' in Betracht gekommen, wenn nicht nach und nach die Wohnzimmer die Salons verdrängt hätten.
Beispiele sind 'Eine kleine Frühlingsweise' (siehe 'RS singt Dvorák'), ein inniges Operettenchanson wie Lehárs 'Von Apfelblüten einen Kranz', aber auch Rudolf Schock-Erfolge wie 'Du bist die Welt für mich' (Tauber), 'Alle Tage ist kein Sonntag' (Clewing) und 'Das alte Lied' (Love).
Zum 'Wohnzimmer-Superhit' geriet das aus der Märchen-Oper 'Schwarzer Peter' von Norbert Schultze stammende 'Ach, ich hab' in meinem Herzen'.

Vorsicht, bitte! 
Früher schon motzte ich über manche '(zu) ernsthaften' Musikliebhaber, die über "unpassende und geschmacklose Adaptionen seriös gemeinter" Kompositionen herziehen. Ich meine, es sei passender, mild, aber vor allem vorsichtig zu sein: Beethoven sollte von relativ bescheidenen Adaptionen seiner Musik gewusst haben. Er hätte dagegen keine Bedenken erhoben, und von Johannes Brahms ist, als Puristen ihm vorwurfen, er habe in seinem sinfonischen Werk Musik andrer Komponisten gebraucht, die Aussage bekannt: "Jeder Tor kann das doch sehen, aber schau mal, was ich damit getan habe!".   

Johannes Brahms

Gedanken über den Text von 'Still wie die Nacht'
Auf den ersten Blick mutet der Text wie eine leidenschaftliche Liebeserklärung an. Aber etwas Merkwürdiges ist daran: Der Mann - könnte eine Frau sein, aber ich denke nicht in diesem alten Reim - stellt eine strenge Bedingung: '(erst) wenn du mich liebst, so wie ich dich, will ich dein eigen sein'. Metaphern wie die Stille der Nacht, die Tiefe des Meeres, die Hitze des Stahls und die Härte des Steins setzen eine vollkommene Ergebung in eine unbedingte Liebe voraus, und nicht eine Verhandlung.
Daneben wäre zu bemerken, der Liebhaber verhalte sich ziemlich patriarchalisch. Das könnte mit einem möglich religiösen Hintergrund zu tun haben: Um Seiner unendlichen Liebe wert zu sein, will Gott, dass der Mensch Ihn unbedingt liebt.

Zwei Studioaufnahmen mit Rudolf Schock 
Die erste wurde am 19.11.1952 von Electrola mit unbekanntem Orchester unter dem Dirigenten Otto Dobrindt aufgenommen, die zweite für Eurodisc - bis auf drei Tage - zehn Jahre später am 16.11.1962 mit dem Berliner Sinfoniker unter Werner Eisbrenner.

Rudolf Schocks ältere Aufnahme ist vokal und darstellerisch vollkommen: vielleicht unbewusst mildert Schock eine etwaige Bedingtheit der Liebeserklärung durch eine zärtlich überzeugende, liebreiche Darstellung. Die Orchesterbegeleitung treibt die Worte vorwärts und greift der Emotion vor. Bei der effektvollen Klimax - mit Beckenschlägen(!) - schiesst mir ein Kloss in den Hals.

Schocks zweite Aufnahme aus dem Jahre 1962 rührt auch, aber ist anders. Erstens ist die Ausführung 30 Sekunden langsamer. Zweitens wird mir in erster Zeile bei 'tief wie das Meer' die Kehle schon zugeschnürt. In der Stimme klingt eine Spur von Verzweiflung durch: möglicherweise fürchtet der Liebhaber, das Mädchen werde seine Leidenschaft nicht beantworten. Am Ende des Liedes neigt die beherrschte Klimax - diesmal ohne Beckenschläge - mehr zur mutigen Selbstüberwindung als zur emotionellen Liebeserklärung. Eisbrenners Orchesterbegleitung ist - dieser Auffassung angemessen - nachdrücklich folgend und eher leidend als leitend.

Otto Dobrindt (1886-1963)
war vor dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich als Dirigent eines eigenen Orchesters und Chores. Er machte viele Schallplatten und zeigte dabei eine breite Einsatzfähigkeit. Schwerpunkt seiner künstlerischen Tätigkeiten war Tanzmusik aller Art. Eine besondere Affinität hatte er mit Tänzen aus Ungarn. Nach dem Krieg war er regelmässig in der DDR aktiv.


Werner Eisbrenner (1908-1981)
erwarb sich einen bedeutenden Namen als Filmkomponisten. Auf Wikipedia gibt es ein imposantes Verzeichnis unzähliger Filme, wofür Eisbrenner die Musik schrieb. Unter Schockverehrern ist er unvergessen als Dirigent und/oder Arrangeur vieler Schallplatten mit Volks-, Salon-, Operetten- und Musicalliedern, die Rudolf Schock seit den Anfängen der Sängerkarriere bis in die siebziger Jahre aufnahm. Einige Lieder von Werner Eisbrenner selbst gehörten auch dazu. Im Jahre 1998 wurde in Berlin Werner Eisbrenner zu Ehren eine Gedenktafel an seiner ehemaligen Wohnung an der Bismarckallee 32a  enthüllt.

Schocks Electrola-Aufnahme von 'Still ist die Nacht' aus dem Jahre 1952 ist im vergangenen halben Jahrhundert viele Male auf LP und CD veröffentlicht worden. Neu sind die Digitalisierungen von Membran (10CDset 232541 und DoppelCD LC 12281) und Profil-Edition Günter Hänssler (PH08058). EMI brachte das Lied vor langer Zeit (1988) auf der CD 'Operetten & Lied' (CDM 7 694752) aus. Die Eurodisc-Aufnahme unter Eisbrenner (1962) ist - insofern mir bekannt - nie auf CD erschienen. Zu Anfang der Sechziger stand Bohms Lied - zusammen mit Hildachs 'Der Lenz' - auf einer 17-cm-EP und später noch ein einziges Mal auf Ariola-LP.

Krijn de Lege, 15.4.2011
Nächstes Mal gibt es wieder einen längeren Artikel:
Rudolf Schock singt Friedrich von Flotow (Komponist der Opern 'Martha' und 'Alessandro Stradella')  

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