22.03.11

RUDOLF SCHOCK SINGT MILI BALAKIREW

Rudolf Schock 1948
(NB: Der erste einer Anzahl kürzerer Aufsätze über Komponisten, von denen eine einzelne Arie/ein einzelnes Lied mit Rudolf Schock auf Schallplatte/Band festgehalten worden ist) RUDOLF SCHOCK singt 'GRUSINISCHES LIED' von Mili Alexejewitsch BALAKIREW.
Im Jahre 1985 produziert Acanta (Fonoteam GmbH, Hamburg) zum Schocks 70. Geburtstag unter dem Titel 'Collection Rudolf Schock' eine Vielzahl LP-Premieren aus der Periode 1946 - 1956. Es handelt sich dabei um Oper, Operette und acht russische Lieder. Die Lieder füllen die letzte Schallplattenseite der Doppel-LP 'Russische Opern, Lieder und Romanzen' (Acanta 40.23.550), worauf Rudolf Schock Musik von Mussorgsky, Tschaikowsky, Dargomyschski, Rimski-Korsakow, Glinka und BALAKIREW singt.
Mili Alexejewitsch Balakirew (1837-1910) und etwas früher - Alexander Dargomyschski (1813-1869) werden für die Musik von Michail Glinka (1804-1857) entdeckt, dem ersten russischen Komponisten, dem es gelingt, eine nationale, jungrussische Musikkultur auf die Beine zu stellen. In dessen Kielwasser versammelt der energische Balakirew etwa 1865 eine Gruppe von Komponisten um sich, die die westlichen (Opern-) Einflüsse aus Italien und Frankreich mit der eigenen Volksmusik zu verbinden versuchen. Diese Gruppe, die sich selbst 'Les Cinq (Die Fünf)' nennt und von Zeitgenossen ironisch als 'mächtiges Häuflein' angedeutet wird, besteht aus (Foto: oben v.l.n.r. und dann unten links u. rechts) Modest Mussorgsky (1839-1881), Alexander Borodin (1833-1887), Nikolai Rimski-Korsakow (1844-1908), Mili Balakirew und César Cui (1835-1918).

Die Doppel-LP 'Russische Opern, Lieder und Romanzen' (1985) ist interessant, weil fünf der genannten, russischen Komponisten darauf vorkommen. Nur Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893), von dem Schock auf den LPs auch Werk singt, lenkte künstlerisch (teilweise) in andere Bahnen ein.

Weiter dokumentieren die Aufnahmen das Berliner kulturelle Klima in den ersten Nachkriegsjahren und politische Entwicklungen danach: man macht ein musikalisches Überholmanöver, wodurch z. B. russische Komponisten, die selten oder nie mehr gespielt worden sind, auf einmal überall in aller Freiheit ausgeführt werden. Zugleich bekommt der dann 31-jährige Rudolf Schock - gleichsam im letzten Augenblick - die Gelegenheit eine Sängerkarriere aufzubauen. Er pendelt singend und politisch möglichst neutral von Ost nach West und umgekehrt. U.a. in Ostberlin tritt er in der russischen Oper 'Sadko' von Rimski-Korsakow auf. Das 'Hindulied' daraus singt er so schön, dass die Sowjets ihn dringlichst bitten, in ihrem Ostberliner Rundfunkstudio aufzutreten ("Sie haben die Seele in der Stimme, die wir Russen so lieben" lässt Schock stolz in seiner Biographie aufzeichnen). Er nimmt in Ostberlin allerhand auf: russische Lieder, Szenen aus Opern von Glinka und Tschaikowsky, die Rolle von Hermann in einer Gesamtausführung von Tschaikowskys 'Pique Dame' und die Rolle von Juri in der russischen (!) Operette 'Die Brautschau' von Juri Sergejewitsch Miljutin.

Rudolf Schock singt 'Grusinisches Lied' von Mili Balakirew: Das 'Georgische Lied' (Grusinien= Georgien) ist ein wehmütiges Lied über das nagende Zurückverlangen nach einer Jugend in der fernen Heimat: 'O, lass dein Singen, schöne Maid/Dein grusinisches Lied voll trüber Klagen erweckt in mir der Sehnsucht Leid/nach fernem Land und schönen Tagen...' Irgendwann zwischen 1858 und 1860 vertonte Balakirew die wirkungsvollen Verse. Angenommen wird, dass sie vom Dichter Alexander Puschkin (1799-1837) stammen. Die Poesie Puschkins regte Tschaikwsky zum Komponieren der Opern 'Eugen Onegin' und 'Pique Dame' an.

Rudolf Schock nimmt Balakirews 'Volkslied' 1947 vor dem Ostberliner Rundfunkmikrophon auf. Die Ausführung ist von zeitloser Schönheit. Schock wird am Klavier von Erhard Michel begleitet. Fast 40 Jahre schlummert das Lied in den Rundfunkarchiven der ehemaligen DDR. Im Jahre 1985 erscheint es auf LP und 2009 - tontechnisch nicht hervorragend - auf CD (Gala: GL 100 672).

Krijn de Lege, 23.3.2011 (Nächstes Mal: Rudolf Schock singt 'Still wie die Nacht' von Carl Bohm)

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