22.06.09

RUDOLF SCHOCK SINGT JOHANNES BRAHMS

RUDOLF SCHOCK:
Sänger von Kunstliedern
 
(LINK auf Brahms: 'In stiller Nacht')
 
Er fing mit BRAHMS an. Danach kamen Schumann, Wolf und (Richard) Strauß. Nach der Pause Schubert, dann zwei Opernarien und erst nach einer Stunde und drei Viertelstunden erfüllte er Publikumswünsche.

So ging das während des Konzerts, das ich als Fünfzehnjähriger in Rotterdam erlebte, und so machte Schock es seit den Fünfzigern nahezu immer. Die Kunstlieder gehörten, wie innerhalb der Tradition der deutschen klassischen Gesangskunst üblich, zu seinem festen Repertoire.
Die meisten Säle, worin er sang (z.B. im Wiener Musikvereinssaal), waren für die Intimität des Kunstliedes eigentlich zu groß. Daraus machte er sich aber nichts. Ein großes Publikum wünschte, Rudolf Schock nun einmal sehnlichst singen zu hören, und das war nur fertigzubringen, wenn er in großen Sälen und Hallen aufträte. Die Begleitung wurde dabei nicht von einem Orchester übernommen. Ein einziger Pianist am Flügel reichte aus.


Adolf Stauch und Rudolf Schock 1959

















In dieser Weise führte Rudolf Schock Tausende und noch einmal Tausende von Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung zum ersten Male ans Kunstlied heran.
Darunter viele junge Leute. Sie wolten Schock live sehen und hören, weil sie ihn von seinen Filmen her kannten. Häufig hatten sie sich Schallplatten mit 'Schlagern' aus diesen Filmen gekauft, aber jetzt bekamen sie auch Opernarien serviert. Überdies bewirtete Rudolf Schock sie - als wäre das  eine Selbstverständlichkeit - reichlich mit Liedern von Brahms, Schumann, Schubert und Richard Strauß. Eine effektivere, musikalische Erziehung und 'Emanzipierung des Volkes' könnte man sich kaum vorstellen.

Rudolf Schock hat in seinem Leben neben allen Opern- und Operettenaktivitäten mehr als 300 'Liederabende' in ca. 130 Städten versorgt. Gut 200 Kunstlieder wurden auf der Schallplatte festgehalten, wovon verschiedene Lieder zweimal. Letzteres geschah u.a. mit Robert Schumanns Liederzyklus 'Dichterliebe'. Von Franz Schubert nahm Schock 1958 'Die schöne Müllerin' auf (mit dem namhaften Pianisten Gerald Moore als Begleiter) und später in seiner Laufbahn (1970) die 'Winterreise'. Der Schwerpunkt der Schock-Aufnahmen liegt bei Schubert (etwa 80 Lieder), Schumann, R. Strauß, Wolf, Loewe und Brahms, aber wir begegnen auch Mozart, Cornelius, Dvorák, Tschaikowsky, Grieg u.a.
Schocks Brahms-Aufnahme aus dem Jahre 1975 von 20 'Deutschen Volksliedern'  verbindet sein Kunstlied-Repertoire auf logische Weise mit ungefähr 200 Volksliedern, die er gleichfalls festlegte.

'Volkslied' oder 'Kunstlied'?
 
Nach Aussage von Rudolf Schock habe sich das Kunstlied aus dem Volkslied entwickelt. Man könnte das so sagen.
Früher bemerkte ich schon, mit einem zu strikten Unterschied zwischen Musikgattungen fahren wir bald im Schlamm fest.
Denn eine klare Grenze zwischen Oper und Operette läßt sich wirklich nicht ziehen. Eine scharfe Grenze zwischen 'opéra comique' und 'opéra seria' gibt es nicht. Eine genaue Grenze zwischen "seriöse" oder "schwere" Musik (komische Bezeichnungen eigentlich) - und jetzt wage ich mich ins kulturelle Minenfeld - kann man nicht formulieren, geschweige einen glaubhaften "Unterschied zwischen 'niedriger' und 'höherer' Kunst". Besser komme ich mit der Bezeichnung "klassisch" zurecht, jedenfalls wenn ich 'klassisch' als 'von bleibendem Wert' auffasse. Aus diesem Grunde ist Jazzmusik 'klassisch' geworden, aber ich finde wohl, man dürfe das auch von manchem Evergreen aus dem Unterhaltungsgenre sagen.

Zurück zum 'Volks- oder Kunstlied'.
Aufs neue ist es unmöglich, eine scharfe Grenze zu bestimmen. Der oft genannte Unterschied, das Volkslied sei anonym, und das Kunstlied Ergebnis der Zusammenarbeit eines Komponisten mit einem Dichter trifft nicht zu. Musik und Text der alten Volksweisen sind genauso gut von Menschen gemacht worden. Allein wissen wir meistens nicht, von wem die ursprünglichen Melodien und Texte stammen. Text und Melodie wurden ja größtenteils mündlich weitergeleitet oder - besser - weitergesungen und erfuhren dadurch viele Veränderungen. Wohl passierte es, daß Volkslieder hinterher Kunstliedstatus erhielten (z.B. bei Brahms und seinen 'Deutschen Volksliedern') und umgekehrt, daß Kunstlieder von Franz Schubert und dem Dichter Wilhelm Müller im Chor-Volksliederrepertoire landeten ('Am Brunnen vor dem Tore', 'Das Wandern ist des Müllers Lust' u.v.a.). Manchmal kam es  vor, daß sie in Operetten auftauchten, aber davon sprach ich bei Heinrich Berté und dem 'Dreimäderlhaus' schon.

Erwägen wir es von der inhaltlichen Seite, ist das Problem wiederum nicht befriedigend zu lösen. Die Themen der beiden Gattungen unterscheiden sich kaum.
Das Volkslied wurzelt in allgemein-menschlichen Erfahrungen: 'du' und 'ich' oder Liebesglück und -leid, der Schönheit der Natur, dem Wechsel der Jahreszeiten, der altvertrauten Heimat im Gegensatz zur nebelhaften Ferne, Kinderfreud und - leid, Gott und der Welt.
Das Kunstlied wurzelt genauso darin.
Die Namen des Komponisten und Textdichters sind aber bekannt.
Weiter sind Musik & Text mancher Kunstlieder verwickelter und manchmal unzugänglicher. Vor allem letzteres könnte dazu geführt haben, daß das Kunstlied in der Ausführungspraxis zum 'Eigentum' einer relativ erlesenen Gesellschaft geworden sei.
Schauspielerin Barbara Sukowa erzählt in der Musikzeitschrift Fono Forum (April 2009) über eine CD mit Schumann- und Schubertliedern, die sie zusammen mit dem Schönberg-Ensemble und dem Komponisten/Dirigenten Reindert de Leeuw "als ein 'normaler' Mensch" aufgenommen habe. Sie redet von ihrer anfänglichen "Angst vor den Liedern, die sie ein bißchen verlieren müßte, weil man sie mit berühmten Stimmen verbände... Dürfte eine wie sie solche Lieder wohl singen?' Letzten Endes waren Sukowa und De Leeuw zur Schlussfolgerung gekommen, 'diese Lieder sollten interpretiert werden, wie es früher bei Schubert zuhause geschah...am Klavier für Freunde...'.

Rudolf Schock hat sich zum Glück nie gefragt, ob er Kunstlieder singen dürfte. Aber es gab Jahrzehnte lang eine Anzahl Kunstlied-Liebhaber, die sich das wohl fragten. Sie vermochten es nicht, Rudolf Schock als 'Lied-Sänger' objektiv entgegenzutreten, und ich glaube, die Folgen seien in Schocks CD-Repertoire heutzutage noch immer merkbar.

Lied-Sänger Rudolf Schock in der Musikkritik

Schock und Stauch: Oostende 1957















Friedrich Herzfeld, Musikrezensent von Fono Forum bespricht 1960 Schocks Aufnahme von Schuberts 'Schöne Müllerin' und die erste zweier 'Liederabend'-LPs, beide auf dem Electrola - das spätere EMI - Label. Herzfeld beginnt den Artikel mit der kritischen Feststellung: "Rudolf Schock wird bisweilen nicht ganz ernst genommen". Er sucht die Ursache in "unserer verwalteten Welt", in der wir nur noch "Spezialisten" gebrauchen können. "Daß einer mehr kann als nur das eine, halten wir für unmöglich und wünschen Vielseitigkeit auch gar nicht".

Herzfeld verurteilt "diese Voreingenommenheit" als "ebenso ungerecht wie ungedeihlich"..."Rudolf Schock ist als Liedersänger durchaus ernst zu nehmen, wie die vorliegenden Platten beweisen". Schocks Darstellung wird - geht Herzfeld weiter - wesentlich von Optimismus gekennzeichnet: "...die Nacht is bei ihm nie ganz schwarz ... die Tragik nie ohne stillen Trost". Dabei verfügt er über eine "ausgezeichnete Atemtechnik und kann daher weite Bögen spannen" (was den Zuhörern die Einsicht in den Liedinhalt erleichert-KdL). Rudolf Schock "bietet alles was Musikfreunde an unseren klassischen Meistern bewundern". Seine Stimme hat "in der Mittellage genau das rechte Vibrato, das den vollen und runden Klang gibt ... Es bleibt kein Wunsch offen. Rudolf Schock wird mit den neuen Aufnahmen neue Freunde finden".
 
Friedrich Herzfeld nennt noch einen Grund für die unausgeglichene Rezeption von Schock als Liedersänger: "Er singt sich zu einschmeichelnd in Herz und Sinne seiner Anhänger, noch mehr: seiner Anhängerinnen. Die Erinnerung an seine Schnulzen im Film will nicht weichen". Darin steckt m.E. ein wahrer Kern. Wie gut Schock auch sang, und wie einmalig die Leistungen auch waren: seine Filme und die ziemlich rasch als "hysterisch" qualifizierten Szenen in den Sälen standen manchen Kritikern eine ehrliche Beurteilung von Schocks Qualitäten im Wege. Aber wer nicht hören will, kann eben nicht fühlen. Schocks Erfolg und Beliebtheit entsprachen nicht der Attitüde, die manche von einem seriösen Sänger verlangten. Sein Publikum benahm sich außerdem nicht nach den - ungeschriebenen - Normen, die für ein klassisches Konzert passend waren. Wenn ein solches Konzert auch noch das Kunstlied betraf, dann beging so ein Sänger nichts weniger als ein Sakrileg.
 
 
















Selbst in anderen wohl positiven Zeitungskritiken aus den 50er Jahren kamen dann und wann doch noch Spuren von Bedenken gegen den Phänomen Schock hoch. Aber erleichtert ließen sich diese Rezensenten ganz schnell von Schocks Leistungen und den Beifallsstürmen der Mitbesucher hinreißen:

Stuttgarter Nachrichten - 2.11.1955: "... keine Konzessionen an den guten Geschmack..künstlerisch untadeliges Programm mit u.a. Händel, Schubert, Brahms und Richard Strauß...tritt nicht als verwöhnter Star vor uns hin...Überlegende Beherrschung der Register...Kopfstimme und mezza voce in jeder dynamischen Schattierung eminent. Durch und durch musikalisch, macht die für das romantisch-intime Lied ungünstige Akustik des Saales vergessen".
 
Österreichische Neue Tageszeitung - 13.12.1956: "mehr als ein charmanter Kavalier...bevor er noch einen Ton gesungen hat, fliegen ihm alle Herzen zu...Trotz seiner Jugend (!) schon ein Liedersänger von Rang, der alles, was er singt, durchdenkt und durch Empfindung des Herzens adelt. Mit dem Medium seines wohllautenden lyrischen Tenors gelingt es ihm, einen ganzen Abend lang die Menschen zu entzücken, zu beglücken, aus der Angt und Hast unserer Tage in lichte Sphären emporzuheben...".

Hamburger Anzeiger - 19.10.1957: "Der so beliebte und gefeierte Tenor verzichtete auf billigen Erfolg und wahrte eine in jeder Hinsicht vorbildliche Haltung. In schönem Zusammenwirken mit seinem feinfühligen Klavierpartner Adolf Stauch bot er ein vorwiegend ernstes und wehmütiges Programm mit Gesängen von Pergolesi, Gluck, Tenaglia, Liedern von Mozart, Schubert und Brahms....Auch im ausgedehnten Zugabenteil ließ er sich vom Lied nicht weglocken. Die Erkenntnis, daß man auch das große Publikum nicht zu unterschätzen braucht, bestätigte sich...".

Österreichische Neue Tageszeitung - 18.5.1961: "Rudolf Schock: das Geheimnis der Faszination ist zeitlos...Sänger, die den Großen Musikvereinssaal füllen können, sind selten, und er vermag es die Größe des für Liedlyrik zu großen Prachtraumes zudem noch aufzuheben: Jeder (und vor allem jede) glaubt, er sänge nur für ihn (und vor allem nur für sie). Einen wesentlichen Anteil an der Wirkung hat natürlich diese wunderbare, lyrisch timbrierte Tenorstimme. Wenn Schock Haydns 'Sympathie' ,'Treue' oder Mozarts Konzertarie 'Misero, o sogno, o son desto' singt, strahlt ihr milder Glanz in den Raum, stellt man fest, daß es nichts gibt, was technisch nicht aufs vollkommene bewältigt würde...durch die Schlichtheit ist der Ausdruck überwältigend..nicht nur Hochintelligenz der Gestaltung und feinstes Gefühl, sondern über alles: Herz! Das Gebäude am Karlsplatz erzitterte förmlich unter den Begeisterungsstürmen für den Sänger und seinen großartigen Begleiter Robert Wallenborn".

Passauer Neue Presse - 20.4.1967: "Sein Programm von apartem Geschmack enthält meist wenig bekannte Gesänge, deren Melodik er trotz edler Zurückhaltung impulsiv, mit großem Kunstverstand auszuschöpfen weiß...Rudolf Schocks Liederabend war ein Triumph höchster Kultur und feinster Stabilität...".
 

Robert Wallenborn und Rudolf Schock": 1961













Schocks vokale Möglichkeiten, die sich im Laufe der SECHZIGER Jahre allmählich änderten, wurden durch sein weiteres Wachstum als darstellenden Künstler reichlich kompensiert. In Friedrich Herzfelds kleiner Schock-Biographie aus dem Jahre 1962 (siehe auch: 'RS, Tenor & Darsteller: 3. Folge') schreibt der Verfasser, man spüre bei Schocks Darstellung der Lieder,"deren Bitterkeit drückt, daß er sein Leid letzten Endes überwinden wird. Die 'Müllerin-Lieder' sind jedoch keine 'Winterreise', die Schock in kluger Selbsteinsicht auch nicht singt".
Acht Jahre später aber - im Jahre 1970 - nimmt Schock Schuberts 'Winterreise' auf, und singt er den bitteren Zyklus im Konzertsaal. Von einem - vielleicht vermeinten - Optimismus ist in Schocks Darstellung dann gar nicht mehr die Rede. Opern- und Gesang-Experte Leo Riemens begrüßt 1965 begeistert Schocks neue Schubert- und Schumann-Aufnahmen auf dem damals jungen Plattenlabel Eurodisc. Riemens findet, Rudolf Schocks Liedinterpretation habe größere Tiefe bekommen. Er male sich die Lieder jetzt in verschiedeneren Farben aus. Auch Riemens hebt Schocks Atembeherrschung hervor, die dem begreiflichen Überbringen eines Textinhalts auf den Zuhörer so dienlich ist. Schock singt bestimmte Phrasen "mit einem einzigen langen Atem", wie das bis zu diesem Moment - laut Riemens - auf der Schallplatte selten oder nie getan war.
 
Schocks Lied-Aufnahmen von LP auf CD
Lange Zeit wurden auf CD nur einige Kunstlieder, von Rudolf Schock gesungen, angeboten.
Wichtigste Ursache war das Imago-Problem, das den Sänger zeitlebens verfolgt hat: das nachweislich falsche Imago des "nur Operettensängers".
Bei solchem Imago liegt 'Oper' schon problematisch, geschweige denn Lieder von Schubert, Schumann usw. Produzenten versprechen sich keinen Gewinn davon.
Es ist für Rudolf Schocks Reputation denn auch außerordentlich günstig gewesen, daß ab 2000 die Rundfunkarchive nutzbar gemacht werden konnten.
Dadurch lernten Musikfreunde in der ganzen Welt noch einmal den großen, vielseitigen Tenor kennen, der Rudolf Schock in den 40er, 50er und 60er Jahren des vorigen Jhts. war.
Kleine CD-Gesellschaften produzierten auf einmal für ein noch bestehendes, sowie neues Publikum erfolgreich interessante und qualitativ gute Rundfunkaufnahmen mit Rudolf Schock. Viel Oper und Operette - Gesamtaufnahmen und einzelne Fragmente -, aber auch Werke wie Händels 'Messias'  und Beethovens 'Missa Solemnis'.
EMI (jetzt WARNER) brachte fast ihr ganzes Schockrepertoire - ohne die Kunstlieder (!) - auf den CD-Markt, und SONY/Eurodisc versuchte/versucht ebenfalls einiges abzukriegen, wobei sie sich ziemlich ungeschickt auf das Schock-Revival einstellte/einstellt.

Danach waren es wieder kleine CD-Produzenten, die an Schocks Kunstlieder-Repertoire auf EMI erinnerten!
  
Im Jahre 2008 widmete CD-Label 'Membran' aus ihrer 10CD-Box (Documents Order Nr: PC 232541 321) eine CD größtenteils dem 'Lied-Sänger Rudolf Schock'
(für mehr Information siehe: 'RS auf CD'). Die technische Qualität der Kopien ist wechselnd, aber im ganzen genommen befriedigend.
 
CD-Label 'Gala' machte 2009 einen größeren Schritt: Gala sammelte 'alte Schallplatten und MCs' und stellte damit eine 4CD-Box mit nahezu allen Kunstliedern aus Schocks EMI-Repertoire zusammen (GL 100.672).
Meine Freude über diese Ausgabe wurde aber durch die dumpfe Tonqualität der digitalen Remastering ernsthaft gedämpft. Auch wurden notabene Stereo-Aufnahmen in mono umgestellt (siehe auch 'RS auf CD').

Im Jahre 2012 erschien bei 'Membran/Documents' eine 2. Schock-10CD-Box, worin noch einmal die EMI-Lieder ('Nachklang einer geliebten Stimme', Order Nr: 233518).
Leider stellte sich auch diese Veröffentlichung nicht als die endgültige heraus. Das ist schade, denn im Durchschnitt ist die Tonqualität passabel: wir hören diesmal glücklicherweise die hohen Töne und nun endlich eine respektabel dokumentierte 'Schöne Müllerin'.
Aber das meiste Material ist mono, während EMI fast alles - ausgenommen
'Dichterliebe' (1957) - stereo aufgenommen hat.
Die Digitalisierung von Schumanns 'Dichterliebe' ist mäßig gelungen: entweder die gebrauchte Platte war abgenutzt, oder die Remastering hätte besser gekonnt: es gibt zuviel Nebengeräusche und Schocks Stimme klingt in den zarten Passagen unprofiliert und diffus. Merkwürdig ist, daß Membran im 'Schock-Box 2008' vier Lieder aus 'Dichterliebe' hören ließ, die wohl akzeptabel klangen! 
Noch immer warten wir also auf jene einzige, definitive, tontechnisch perfekte Veröffentlichung von Schocks EMI-Liedaufnahmen auf CD! 

Rudolf Schocks Kunstlieder auf 'Y0uTube'!
"Schockverehrer" und Musikliebhaber im allgemeinen luden seit 2007 viele Schock-Aufnahmen auf 'YouTube' hoch, worunter vollständige Opern, Operetten, Kinostreifen, aber AUCH - zu einem Großteil - Kunstlieder. Von Franz Schubert bis Robert Schumann und von Richard Strauß bis Hugo Wolf! (NB: Meistens handelt es sich hier wohl um Uploads der vorher genannten Lied-CDs).

Es ist erhellend, die positiven Reaktionen der YouTube-Besucher, die von Rudolf Schock noch nie gehört haben, zu lesen. Die Fonoforum-Rezension von Friedrich Herzfeld aus dem Jahre 1960 ist auf einmal wieder aktuell: "Es bleibt kein Wunsch offen, Rudolf Schock wird neue Freunde finden".

Wie zum Beispiel YouTube-Besucher 'Libro07' (32 Jahre alt) aus Kanada: "These are very strong performances ... superb lyrical line here ... spinto (= eindrucksvoll dramatische Qualitäten) intensity...perfect dynamics...excellent taste...one of the greatest tenors of the 20the century ... he is far too little known internationally".
Oder der 25-jährige 'White Profundo': "Neben Fritz Wunderlich der beste deutsche Tenor ... prachtvolles Gefühl ... grandios-beschwingtes Vibrato ... diese Liebe zur Musik ... wahrhaft ein Genuß".
Ein 45-jähriger Einwohner aus Australien gesteht: 'Hatte Risse in meinen Augen, hörend auf den', womit das Straußlied 'Morgen' gemeint wird.

Auch anderswo im Internet ist 'Lied-Sänger Rudolf Schock' Gesprächsthema: 
Fischer-Dieskau-Verehrer Ralph Kickinger findet von allen Schubert-Stimmen die Ausdrucksfähigkeit und Dynamik von Dietrich Fischer-Dieskau am schönsten, "vielleicht Rudolf Schock ausgenommen". Und jemand unter dem Pseudonym 'Siegfried' erklärt: "Gefühlvoller kenne ich die Müller-lieder nicht als von Rudolf Schock gesungen".

Zusammenfassend
wage ich mich an die These, Rudolf Schock nehme einen beachtenswerten, vielleicht wohl außergewöhnlichen Platz in der Ausführungspraxis der Liedkunst ein.
Wie 'Die Zeit' schrieb: "Schock nähert sich jeder Art der Musik ganz offen und mit unbefangener Natürlichkeit an".
Bernhard Künzel (Magazin.klassik.com) sagt am 28. März 2007 in einer 'Zauberflöte'-Kritik: "...mit einem untrüglichen Gespür für die theatrale Wirksamkeit der vokalen Interpretation. Schock artikuliert nicht nur hervorragend, er meint auch, was er singt. Diese Fähigheit, eine untrennbare, sinnfällige Einheit von Musik und Text zu erzeugen, macht seine spätere Karriere im Unterhaltungsgenre und als Interpret von Volksliedern verständlich´. Gerne möchte ich beifügen, diese Fähigkeit habe während seines ganzen Sängerlebens sein einzigartiges Niveau als ´Kunstliedsänger´ bestimmt.

Mit vortrefflichen Klavierpartnern

Rudolf Schock und Adolf Stauch



 



















In der gebundenen Ausgabe von Schocks Biographie gibt es ausführliche Verzeichnisse von Schocks immensem Repertoire auf Bühne, Podium und Schallplatte. Sie lassen sich - nach einem französischen Kritiker - "wie eine komplette Musik-Enzyklopädie" lesen.
Ein zu den Listen gehörender Zwischentext nennt neun Klavierpartner von Schock: Hertha Klust, Werner Baer, Dr. F.W. Donat, Ivan Eröd, Prof. Victor Graef, Hellmut Hidégethi, Dr. Adolf Stauch, Robert Wallenborn und Günther Weissenborn. Diese Aufzählung ist nicht vollständig: ich vermisse sowieso die Namen von Gerald Moore ('Die schöne Müllerin'), Erhard Michel (Lieder von Tschaikowsky) und Herbert Heinemann ('Fünf Chinesische Gesänge' von Hans Ebert).

Schock trat in der Periode 1947-1960 am meisten mit Dr. Adolf Stauch (1903-1981) auf. Vom Ende 1962 ab begann die Zusammenarbeit mit dem damals 26-jährigen Ivan Eröd (1936).
Nach dem Jahre 1974 bis zu seinem Tode 1986 musizierte Schock oft neben Hellmut Hidégethi.
 
Ivan Eröd und Rudolf Schock

















Vor allem mit Stauch und Eröd machte Schock seine Lied-Aufnahmen für die Schallplatte. Über Adolf Stauch, der schon seit 1937 in Schocks Leben eine Hauptrolle erfüllte, gibt es Texte auf Rob van Brinks 'Rudolf Schock-Site' (http://www.rudolfschock.nl/).
Information über den Komponisten und Pianisten Ivan Eröd ist zu finden auf dessen Site 'http://www.ivan-eroed.at/' und via dieses Blog unter 'RS singt Alban Berg'.
Mit dem Konzertpianisten Hellmut Hidégethi, der auf der Schallplatte Schock im Deutschen Volkslieder-Zyklus von Johannes Brahms begleitet, machte Rudolf Schock 1974 durch die Klavierstunden seiner Tochter Dagmar Bekanntschaft.
 

Hellmut Hidégethi und Rudolf Schock















 
Johannes Brahms (1833-1897)
 
Der junge Brahms 1853























Schon als zehnjähriges, Hamburger Wunderkind trat er als Pianist auf.
Einige Jahre später spielte er in Hafenkneipen.
Dann machte er Konzertreisen, oft als Pianopartner des ungarischen Geigers Reményi. Er begegnete Liszt und Schumann, wurde aktiv als Chordirigent und fing darauf zu komponieren an. Das Klavier war dabei sein Ausgangspunkt.





















Als Komponist geriet Johannes Brahms in künstlerische Isolation.
Komponistenkollegen wie Anton Bruckner und Richard Wagner übten Kritik an seinem Werk, und auch Franz Liszt konnte keinen Gefallen daran finden. Brahms bekannte sich zwar zu den traditionellen Musikformen, aber trotzdem bog er in eine andere Richtung ein: rhythmisch wich er vom Mainstream ab, und die ungewöhnlichen Höhenunterschiede zwischen gleichzeitig oder direkt nacheinander gesungenen und gespielten Tönen (Intervallkombinationen) gingen vielen nicht leicht ins Ohr. Bruckner, Wagner und Liszt sahen nicht ein, daß Brahms seiner Zeit voraus war. Er wurde zum Vorbild für jüngere Komponisten und erwies sich als richtunggebend für die Musik im zwanzigsten Jahrhundert.

 
Rudolf Schock singt Johannes Brahms

















Meine Brahms/Schock-Sammlung zählt 34 von LP nach CD kopierte Brahms-Lieder: 12 Kunstlieder, 20 Volkslieder und 2 Volkskinderlieder.
Rudolf Schock nahm diese Lieder in drei Momenten seiner Laufbahn auf: 1959 mit Adolf Stauch, 1965 und 1966 mit Ivan Eröd und 1975 mit Hellmut Hidégethi.


















Veränderungen in der Stimme sind beim Fortschreiten der Jahre unvermeidlich:
Im Jahre 1959 singt Schock das kurze, überrumpelnde Lied 'Heimkehr', dem weltbestürmenden Charakter gemäß, mit voller, kräftiger Stimme: alles muß weichen, um wieder bei der Geliebten zu sein.
In den Aufnahmen aus dem Jahre 1966 entkommen wir nicht einem einzigen forcierten Ton und 1975 einer abnehmenden vokalen Flexibilität des dann sechzigjährigen Sängers.
Aber, aber... diese Bemerkungen ändern nichts am bewundernswerten Endergebnis. Man macht sie, falls jemand nicht hören will/kann, wie ideal eigentlich Rudolf Schock z. B. die 'Deutschen Volkslieder' 1975 singt, und man macht sie auch, um nicht 'selektiv taub' zu wirken.
 

















Brahms läßt die alten Lieder unangetastet und respektiert ihre Mundart: "Ich liebe Plattdeutsch. Das ist für mich keine Sprache, sondern das Herz, das spricht".

Der kompositorische Mehrwert steckt in den Klavierarrangements.
Sie sind es, die - zusammen mit der Solostimme - einzelne Lieder zur neuen musikalischen Einheit schmieden. Man gewinnt den Eindruck, der melancholische Charakter der Lieder werde durch diese Einheit akzentuiert.
Nachdem ich mir Schocks Wahl der 20 'Deutschen Volkslieder' einige Male angehört hatte, bekam ich immer stärker das Gefühl, einen kompletten Liederzyklus gehört zu haben, der ganz tragisch ausgeht.

Anfangs sprechen die Lieder von Verliebtheiten und der Liebe mit all ihren vorhersehbaren Höhen und Tiefen. Auf einmal 'is' aber im wehmütigen 'Da unten im Tale' 'au wohl a bissele Falschheit dabei'.
Stets öfter taucht Zweifel auf: 'So will ich frisch und fröhlich sein, ich hoff' mir soll's gelingen'.
Der Sänger möchte 'stets in Freiheit bleiben', aber zugleich hat er Angst, betrogen zu werden. Mit einem Mal 'haßt' er das Mädchen, das bald den einen, bald den andern liebt und deshalb wohl 'aus Flandern (?)' sein muß.
Die vorletzten zwei Lieder handeln wieder von Unzuverlässigkeit, wovor man sich in acht nehmen soll ('Hüt' du dich!'), und von der personifizierten Natur, die dem Sänger beim Klagen über das 'verlorene Lieb' zur Seite steht.

Im letzten Lied: 'In stiller Nacht, zur ersten Wacht' bleibt der verzweifelte Liebhaber in schmerzlicher Einsamkeit zurück: 'Der schöne Mon will untergon...Kein Vogelsang noch Freudenklang. Nur die Sterne 'wollen mit mir weinen' und 'die wilden Tier traur'n auch mit mir in Steinen und in Klüften'. Den Zyklus-Schluß empfinde ich als so erschütternd, daß ich dazu neige, einen Vergleich mit jenem berühmten, anderen Schluss zu machen, womit Franz Schubert die 'Winterreise' abschließt.

Die Ergriffenheit, die 'In stiller Nacht' wachruft, hat gewiß auch mit der Tatsache zu tun, daß dieses Volkslied ursprünglich ein 'Trauer-Gesang von der noth Christi am Oelberg in dem Garten' war. Dieses Klagelied über den einsam leidenden Jesus am Abhang des Ölbergs im Garten von Gethsémane ist übrigens nicht anonym. Wir wissen inzwischen, daß der Text vom Priester/Dichter Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635) verfaßt wurde. Vielleicht stammt die Musik auch von ihm.
Vom Volkslied zum Kunstlied: es ist offensichtlich nur ein ganz kleiner Schritt.

Krijn de Lege, 1.7.2009/ 21.4.2014

Kommentare:

jay hat gesagt…

I have made a link in my blog SILVAE in the post "Die schöne Müllerin" to your really excellent blog. There is nothing better than your blog on Rudolf Schock in the internet!

Krijn de Lege hat gesagt…

Thank you for your very kind words!
Krijn de Lege