27.11.07

RUDOLF SCHOCK SINGS ADOLPHE ADAM...


Rudolf Schock sings Adolphe Adam



DER KOMPONIST ADOLPHE ADAM (1803-1856)
(Foto aus dem Jahre 1855)
 


Zuerst eine (ganz) kleine Musikgeschichte:
Die 'SERIÖSE' Oper (Opera seria) entwickelt sich im Laufe des 17. Jht. besonders in Italien. Aber die Träne ruft direkt schon das Lachen hervor, so dass die 'HEITERE' Schwester fast gleichzeitig des Licht der Welt erblickt (Opera buffa).
Die Schwester bekommt ihrerseits in Frankreich wieder ein lebensfähiges Kind: die Opéra comique. Sie unterscheidet sich von der Opera buffa dadurch, dass gesprochene Dialoge an die Stelle der gesungenen Rezitative treten und das Komische allmählich erst durch das Romantische (z.B. in 'Mignon' aus dem Jahre 1869) und dann durch das Realistische ersetzt wird. Eine tragisch ausgehende Oper wie 'Carmen'(1875) wurzelt noch in der Opéra comique, aber steht inzwischen schon stark unter dem Einfluss einer realistischeren Erzähllinie (um 1900 herum 'Verismo' genannt). Letzten Endes ist es Jacques Offenbach, der die ursprünglich heitere Opéra comique wieder neu belebt. Dieses neue Leben wird später in Frankreich 'Opéra-bouffe' und im deutschen Sprachraum 'Operette' genannt.

Adolphe Adam prägt (zusammen mit Boieldieu und Auber) das Image der französischen Opéra comique. Übrigens dauert es sechzehn Opern, bevor er 1836 mit dem 'Postillon de Longjumeau' (viel) Erfolg hat. Aus dem 1. Akt dieser Oper bleibt bis heute die Arie 'Mes amis écoutez l'histoire (Freunde, vernehmet die Geschichte)' das Paradepferd der Tenor-Titelrolle-mit-hohem-D.
Von den fünfzig (!) Kompositionen, die danach entstehen, sind nur die Oper 'Si j'étais Roi (Wenn ich König wär') und betont das 'Giselle'-Ballett bleibende Repetoirestücke. Auch das Weihnachtslied 'Minuit Chrétiens (O holy night)' ist überall bekannt.
Adams Musik ist bald leichtfüssig, bald gefühlvoll. Sie hat Schwung und ist immer zugänglich.
Erwähnenswert ist noch, dass Adolphe Adam eigentlich zwei Musikgattungen miteinander verbindet: einerseits die der versinkenden, traditonellen Opéra comique und andrerseits die der aufsteigenden Operette. Denn spezifisch für Offenbachs 1855 neu eröffnetes Operetten-theater 'Les Bouffes Parisiens' komponiert Adam 'Les Pantins de Violette (Die Marionetten der Violette)'. Die Uraufführung dieser Operette findet vier Tage vor seinem Tod statt.

ADOLPHE ADAM-AUFNAHMEN MIT RUDOLF SCHOCK:
1955: Emi-Studio-Aufnahme: Arie 'Freunde, vernehmet die Geschichte'(Le Postillon de Longjumeau') mit der NWD-Philharmonie, dem Männerchor des Landestheaters Hannover und Wilhelm Schüchter, Dir.


Eine Aufnahme, die auf mehreren Schock-Opernkompilationen vorkommt.
Sofort braust die Musik los und knallen die 'Peitschenhiebe'. Diese Musik ist dem Tenor wie auf den Leib geschrieben. Die Peitschenhiebe zum Glück nicht. Schock braucht ja keinen einzigen Antrieb und singt sogar ein hohes D.
Der neulich verstorbene, amerikanische (und von mir sehr geschätzte) Opernkenner Mike Richter meldete, er glaube während der höchsten Note im Hintergrund merkwürdige Geräusche zu hören. Er hörte so genau zu, weil er - wie ich ahne - Schock kein hohes D zutraute.

Solche Sachen gibt und gab es eben: In der legendären Emi-Aufnahme von Wagners 'Tristan und Isolde' (1952) unter Wilhelm Furtwängler zum Beispiel übernimmt Elisabeth Schwarzkopf (Gattin des Tristan-Produzenten Walter Legge) schlichtweg eine (zu) hohe Note der echten Isolde (Kirsten Flagstad). Ich stelle mir vor: Frau Legge kommt eines Tages ins Studio herein, weil Herr Legge das Päckchen mit Brot und Apfelsine vergessen hat. Er jauchzt: "Du kommst wie gerufen, Elisabeth! Sei so freundlich und schreie, bitte, mal sehr hoch ins Mikrophon hinein?" Gesagt, geschrien! Die Tontechniker nehmen vergnügt die Montage wieder auf, Frau Flagstad blinzelt Frau Legge erleichtert an, und schliesslich verspricht ein jeder in der Kaffeepause feierlich, nie darüber zu reden. Dann fängt es - wie üblich - an, durchzusickern).

Offen gestanden: ich habe bei dieser Adam-Aufnahme selber auch wohl einmal an Schocks hohem D gezweifelt. Aber als 'Ami', der eine Geschichte vernehmen muss, will man doch gerne glauben, dass Schock es am 5. Februar 1955 wirklich schaffte! Und wenn ich mich auf die Bitte des Sängers einlasse, und genauso wie Mike Richter gewissenhaft zuhöre, kann ich wirklich nichts abweichends entdecken. Also - und damit haue ich den Knoten durch - sollen wir nicht weiter darüber nörgeln. Schock hämmert die Arie samt jenem D effektiv ins Bewusstsein, und es hat immer etwas Merkwürdiges, wenn wir nur von den Sekunden des hohen D sprechen und die hinreissenden, übrigen vier Minuten völlig ausser Acht lassen.

1960: Studio-Aufnahme: 'Si j'étais Roi (Wenn ich König wär')
Großer Querschnitt 2013 NEU VERÖFFENTLICHT in Emi/Warners 10CD-Box "Rudolf Schock, Original Opera Highlights 1952-1961" 50999 9 26311 2 4:






















Es beginnt mit der Premiere im Berliner 'Theater des Westens' (17.5.1960). Rudolf Schock singt die Rolle des verzweifelt verliebten, naiven Fischer Zéphoris, der nach Aussage des Freundes Piféar von den Fischen ausgelacht wird. In den weiteren Aufführungen wechseln Rudolf Schock und der niederländische Tenor John van Kesteren einander als Zéphoris ab. (John van Kesteren schreibt viel später ein wenig bitter, dass man für die Fernseh-Aufnahmen dieser Oper leider "einen anderen Tenor" wählte.
Es ist gut, dabei zu bemerken, dass Eurodisc 1962 die andere Erfolgsoper von Adam: 'Le Postillon de Longjumeau' vollständig aufnahm und veröffentlichte. Da sang Van Kesteren die wichtigste Tenorrolle und war Stina-Britta Melander seine Partnerin.
 
Mai 1960 nahm Electrola mit allen Solisten der Berliner Premiere die komplette Oper auf.
Sie bildete den Soundtrack für einen Fernseh-Film, wobei Werner Kelch die Regie führte. Kelch kannte ja das Werk durch und durch, weil er auch die Opernvorstellungen im Berliner 'Theater des Westens' inszenierte. Der Film wurde 1961 und/oder 1962 in Deutschland und 1963 in den Niederlanden ausgestrahlt. Aus dem Soundtrack brachte die Electrola einen 'Grossen Querschnitt' auf Stereo-LP heraus.
 
Eigentlich erwartete ich damals, dass man sich damit zufrieden geben würde. Ich bewachte jahrelang mit hinausragenden Nägeln die krachende, knisternde und tickende Mono- und Stereo-LP.
Aber im Jahre 2004 produziert die EMI dann doch noch die CD.
Überdies wurde ich in den einzigartigen Stand versetzt, von der Video-Fassung Kenntnis nehmen zu können.
Und so komme ich zur Schlussfolgerung, dass die Ton-Aufnahmen fürs Fernsehen 84 Minuten dauern und nicht 47 Minuten wie auf der CD.
In diesen extra 37 Minuten (deren Video-Ton natürlich nicht so brillant wie der Ton der CD klingt) verstecken sich ausser Dialog und Ballettmusik noch einige, sehr reizende Gesangsmomente:
Ein sehr schönes Duett von Zéphoris/Neméa aus dem 2. Akt, worin die träumerische (aber auf CD leider zu einer einzigen Strophe zurückversetzte) Romanze von Zéphoris aus dem Anfang der Oper: 'J'ignore son nom, sa naissance (Kenn' nicht ihren Stand und ihren Namen)' teilweise wiederholt wird (siehe ganz oben!)

Weiter eine stimmungsvolle Chorszene mit Zéphoris und noch andere, vokale Puzzleteilchen, die zum besseren Verständnis der Handlung führen.

Heute (2016) ist die CD des Adam-Querschnitts neu erhältlich  in der obenerwähnten EMI/WARNER 10CD-Box!
Auf YouTube gibt es sogar den ganzen Fernseh-Film. Einige Gesangsnummern daraus werden aber blockiert.


Rudolf Schock als Zéphoris, der einen Tag König sein darf


 
 









SOLISTEN UND DIRIGENT:





















Was RUDOLF SCHOCK betrifft:  Friedrich Herzfeld hat 1962 (in seinem 'Schallplattenführer für Opernfreunde') recht, wenn er schreibt, dass ".......Schock die Spitzentöne allerdings einige Mühe machen......", aber er sagt auch: ".....Rudolf Schock ist für den Fischer, der einen Tag lang König spielen darf, wie geschaffen. Er träumt und regiert zum Entzücken."
Thomas Voigt fragt 2004 ergänzend rhetorisch: "Wie viele Sänger hat es seither gegeben, die ihre Schwächen so gut zu kompensieren wussten wie Schock in den 60er Jahren?" Und er lobt weiter: "Ausserdem ist der Sänger derart eins mit der Figur, dass man darauf nicht mehr achtet".
Gerne mache ich den Leser noch darauf aufmerksam, dass Schocks drei besinnliche 'Chansons' alle auf CD stehen. Im Mittelpunkt befindet sich das Lied voller Sehnsucht 'Un regard de ses yeux (Ein einz'ger Blick von ihr)', worin Schock die (See)sterne aus dem Ozean singt (und mit welch einer schönen instrumentalen Begleitung!). Und nach all diesen Jahren werde ich noch immer ganz still bei dem kurzen, aber wunderschönen Duett aus dem 3. Akt: 'Hélas tout m'abandonne (Mein Herz ist noch beklommen)' Schocks Falsett-Töne (hier vollkommen angebracht!) verschlagen mir buchstäblich den Atem.































Die schwedische Sopranistin STINA-BRITTA MELANDER (1925 - 2010) hat sehr zu Unrecht in einigen Reaktionen auf frühere Ausgaben der LP weniger gute Kritiken geerntet.

Diese vielseitige Sängerin, die 1949 von ihrem weltberühmten Landsmann Jussi Björling und 1954 vom sich verabschiedenden Benjamino Gigli nachdrücklich gefördert wurde, die Sängerkarriere weiter auszubauen, verfügt jedoch über eine imponierende Stimme. Ihre kräftigen Spitzentöne sind aufreibend, und Umfang und Klangfarbe des mittleren und unteren Stimmlage beschwört bei mir sogar ein Callas-Gefühl herauf. Sie singt die Prinzessin, die von der Natur schwärmt und am liebsten am Meer meditiert, zu meinem grössten Vergnügen. Kurze Zeit nach den Adam-Aufnahmen sang sie noch einmal mit Rudolf Schock unter demselben Dirigenten in einer Fernseh- und Schallplattenproduktion von Donizettis 'L'Élisir d'Amore'.


Der Intrigant Prinz Kadoor wird vom ausgezeichneten, amerikanischen Bariton THOMAS STEWART (1928-2006) feinsinnig und mit perfekter, deutscher Aussprache gesungen. Mit seiner Frau, der Sopranistin Evelyn Lear, sang Schock zwei Jahre später bei den Wiener Festwochen in der Alban Berg-Oper 'Lulu'.


GEORG VÖLKER (1924-2006), Sohn von Franz Völker, dem grossen Wagnertenor, ist der sympatische und echte, aber zu spielerische König. Er singt im allgemeinen gut, aber dann und wann leistet er sich einen ungeschliffenen Ton.

Die Sopranistin Ursula Schirrmacher und den Tenor Karl-Ernst Mercker kann man in vielen Aufnahmen mit Rudolf Schock hören.
URSULA SCHIRRMACHER (geb.: 1925) liegt mir sehr am Herzen. Ich 'entdeckte' ihre besondere Stimme in der 'Carmen'-Aufnahme unter Horst Stein aus dem Jahre 1961. Sie warnt kurz vor dem Schlussduett Carmen (Christa Ludwig) vor dem völlig durchgedrehten Don José (Schock) mit einem unnachahmlichen Grausen in der Stimme. Auch in anderen Aufnahmen gerate ich immer wieder unter den Eindruck ihrer verschleierten, stimmlichen Überzeugungskraft. Sie war wieder so ein kaum auffallendes Multi-Talent: ganz zu Hause in der Welt der Oper und Operette, aber auch aktiv in Kabarettprogrammen und in Musicalrollen wie die von Maria in 'The Sound of Music'.
Der genauso vortreffliche KARL-ERNST MERCKER (geb.: 1933) sang (wie auch Ferry Gruber) in allerhand Eurodisc-Aufnahmen die Opern- oder Operettenrolle des 2. Tenors. Er war sozusagen der Nachfolger von Manfred Schmidt, der in den 50er Jahren auf vielen Electrola-Aufnahmen zu hören war. 1998 wanderte Mercker mit seiner Frau, der Sopranistin Annabelle Bernhard, nach New Orleans aus, wo Frau Mercker-Bernhard 2005 starb.

Ernst Märzendorfer












Was den österreichischen Dirigenten ERNST MÄRZENDORFER (1921 - 2009) betrifft, der in späteren Jahren besonders auch das Werk moderneren Komponisten (z.B. Hindemith und Kurt Weill) dirigieren würde, weise ich gerne noch einmal auf einem Text von Thomas Voigt  hin: "Mozart-Dirigent Märzendorfer wusste genau, wie man die feinen Details zum Klingen bringen sollte".

Krijn de Lege
29.11.2007/aktualisiert: 12.7.2016

1 Kommentar:

C R Lim hat gesagt…

"JANUAR 2008 hoffe ich Schocks Aufnahmen von 'Tiefland' von EUGEN d'ALBERT Aufmerksamkeit zu widmen."

Diese Aufnahme existieren auch als Fernsehfilm, nicht war?
(Accord-Film KG)