02.10.07

RUDOLF SCHOCK: EINE FASZINATION ERLÄUTERT

 Eine Faszination erläutert













Dieser Text wird zum Versuch, eine Faszination in relativ wenige Worte zu fassen.
Es handelt sich nur um meine Faszination. Aber zugleich eine Faszination, die ich mit Vielen teile.
Deshalb dieser Versuch. Als ein neuer Ausgangspunkt. Dieses Mal für eine Reise durch die musikalischen Welt des Tenors Rudolf Schock. Eine Weltreise, die - solange ich gesund bleibe - auf dieser Site Jahre dauern wird. Nach einem halben Jahr allgemeinerer Texte über das musikalische Erbe des Sängers, seine Laufbahn und die Rolle, die er in der Musikgeschichte bis auf heute gespielt hat, möchte ich gerne ab November 2007 detaillierter seine zahlreichen Audio- und Video-Aufnahmen besprechen, worin ich auch Kommentare Dritter hineinziehen werde.

Aber jetzt im Oktobermonat 2007 präsentiere ich zuerst den Ausgangspunkt für diese lange Reise: Eine Faszination, die sich gesetzmäßig auf Gefühlen gründet.
Diese Gefühle stoßen einem nur zu. Erst später fängt man an, darüber nachzudenken. Warum fühle ich das? Was trifft mich so? Woraus geht diese Rührung hervor? Warum trifft das, was einer hört und/oder sieht so vollkommen mit den Vorstellungen der Phantasie zusammen? Oder werden diese Vorstellungen gerade erst von dem, was einer hört oder sieht hervorgerufen und gefärbt?
 
Ein Schauspieler beschwört ein Bild der Person herauf, die er spielt und mit dem Bild eine Welt, worin diese Person handelt.
Ein Sänger oder eine Sängerin macht das genauso.
Ob es entweder Oper, Operette oder Musical betrifft: immer werden Menschen dargestellt, die in einer bestimmten Umgebung vom Charakter und Typus heraus handelnd vorgehen.
Eine Geschichte ist komisch, die andere tragisch, eine Handlung tiefschürfender als die andere, aber zentral stehen immer Menschen, in die man sich hineinversetzen kann, durch die Phantasien gereizt oder sogar entfesselt werden. 
Einzelne Lieder/Chansons äußern sich eher beschaulich über vielerlei Empfindungen, obschon ich mich beeile, zu betonen, daß es auch in musikalische Dramen Arien/Lieder gibt, wofür der Solist bei der vokalen Betrachtung einer besonderen Lage gleichsam einige Minuten aus dem Plot heraustreten muß. Umgekehrt existieren auch Lieder und Chansons, die dem Solisten die Gelegenheit bieten, in Miniatur eine Rolle zu spielen und Texte zu singen, die darin passen.
 
Der Sänger und Darsteller Rudolf Schock - denn ich schreibe jetzt von meiner Faszination, die ihn betrifft - ruft bei mir in vollkommener Weise die Person hervor, die er darstellt. Die Rolle paßt wie ein warmer Mantel. Er wird zum Menschen, die er singt und spielt und es macht einem gar keine Mühe (es passiert einem eben) an diesen Menschen zu glauben, sich stark mit ihm verbunden zu fühlen und sich hundertprozentig in ihn hineinzuversetzen.
Der herzerfreuende, mehr oder weniger adlige Lebemann (Danilo in der "Lustigen Witwe") liegt Schock genauso vollendet im Blut wie der naive und betrogene Hirt aus den Bergen (Pedro in "Tiefland").
Eine tragische, alternde Persönlichkeit wie Canio ("I Pagliacci" von Leoncavallo) ist ebenso glaubenswürdig wie der sympathische und schwungvolle 'Robin Hood' aus Aubers "Fra Diavolo".
Der Humor ist Rudolf Schock wie auf den Leib geschrieben, aber zugleich ist Wehmut ein wesentlicher Bestandteil dieser "Stimme mit Herz" .

In den Liedern und Chansons, die er seinem Publikum 'serviert', bringt er viele Saiten bei mir zum Erklingen und entzündet er meine Phantasie und nicht selten erlebe ich bei Rudolf Schock in den Liedern jenes Umsteigen in die obenerwähnte 'Rolle in Miniatur'. Obwohl ich Beispiele lieber für die bevorstehende Weltreise aufbewahre, nenne ich jetzt schon Schocks Interpretation von Liederzyklen wie "Die schöne Müllerin" und "Dichterliebe".

Rudolf Schock ist mit einer "Stimme mit Herz" gesegnet und das im Gegensatz zu den "Stimmen mit Kopf" , zu denen ich z.B. Elisabeth Schwarzkopf und Dietrich Fischer-Dieskau rechne. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: ich spreche damit kein Werturteil aus. In der ganzen Literatur und den allerschönsten Künsten stößt man auf diesen Gegensatz. Goethe versus Schiller oder der Akzent bezw. auf 'Natur' oder 'Kultur': 'Gefühl' (Herz) oder 'Verstand'
(Kopf).
Daneben dachte ich mir noch den Unterschied zwischen 'relationellen Stimmen' wie die von Schock (gibt es das Wort 'relationell' auf Deutsch?) und 'rationellen Stimmen' aus.
Vielleicht erklärt das zum Teil wohl die 'Trennung der Geister', wenn es sich um Rudolf Schock handelt. Aber das ist dann etwas ganz anders als die in der Unwissenheit und dem wiederholten Abschreiben wurzelnden Vorurteile, worüber ich voriges Mal schon berichtete.

Schocks Annäherung der Musik ist schlicht, direkt, nicht ängstlich, sondern gewissenhaft (Gerald Köhler: "Die Preisgabe des Inneren beim Singen, das war das Wesen seiner Kunst, und die Distanzlosigkeit zum Gesungenen.....").
Geziertheit ist Schock fremd. Wie ein Journalist 1961 nach einem Liederrecital über ihn berichtete: "In und hinter den Notenlinien steht über alles: HERZ".
Aber doch ist diese Annäherung auch intelligent, musikalisch und künstlerisch raffiniert, und ich glaube, daß es ein ziemlich gefürchteter Musikkritiker war, der schrieb, daß Schock über "ein rattenfängerisches Talent" verfügt, womit er viele Musikliebhaber in seinen Bann zieht und ins Schlepptau nimmt.
 
Schocks Stimme hat ein lyrisches, warmes Timbre, aber ist zugleich (baritonal) männlich.
Ein weiteres Kennzeichen seines Spieltalents ist, daß er in einigen (besonders) Opernrollen dann und wann bewußt statt Schöngesang den realistisch-dramatischeren 'Sprechgesang' bevorzugt. Das berauschende Wort ist für ihn in solchen Augenblicken der Musik überlegen. Dabei verliert er übrigens in keinem einzigen Moment die musikalische Kontrolle über das nahtlose Einbauen davon in die Partitur.

Dieser außerordentlich vielseitige Sänger/Darsteller baute (nicht nur) für mich eine Brücke.
Diese Brücke führte mich (als 13-Jährigen) zuerst in 'Die Welt der Operette'. Danach betrat ich durch den Künstler 'Die Welt der Oper', und machte ich Bekanntschaft mit den klassischen Liedern von Schubert, Schumann und Richard Strauss. Auch die Welt des Volksliedes lernte ich kennen und daneben noch eine stattliche Anzahl von kirchlichen und weltlichen Liedern.
In der - wie man sie so nennt - leichteren Musik geriet ich auch zu Hause und bis auf den heutigen Tag bin ich all diesen Liedern und 'Chansons' recht gut gesinnt.
 
"WOW....never heard the guy" schreibt ein junger Amerikaner auf die momentan weltweit konsultierte Internetsite 'YouTube'. Dies anläßlich einer von einem Landsmann auf die Site eingetragene Arie aus dem "Freischütz" von Von Weber (Audio-Clip von Rudolf Schock aus dem Jahre 1967). Ein zweiter Amerikaner postet dann noch einmal eine seltene Schock-Live-Aufnahme (1965) mit der in italienischer Sprache (auch visuell) eindrucksvoll gesungenen zweiten "Tosca"-Arie ('E lucevan le stelle') von Puccini. "So happy, to hear him sing this aria in Italian" lautet eine dankbare Reaktion, worauf wieder ein Dritter aus den VS in bezug auf einen neuen (jetzt wieder Audio-)Clip einer Arie aus "Turandot" (aus dem Jahre 1951 und nicht 1946 wie in der begleitenden Information steht) reagiert mit den Worten: "In any language, just beautiful". Eine Bitte aus Deutschland um "MORE!" führt in erster Instanz zum vierten Audio-Clip ("Madame Butterfly" auch aus dem Jahre 1951) und in den Jahren danach zu einer langen Reihe von Opernarien, Operetten- und Kunstliedern und Evergreens.
Die vielen, positiven Kommentare ("This is topclass-singing") kommen aus allen Herren Ländern: VS, Europa, Chile, Peru, Australien und von Jung und Alt.
 
Krijn de Lege, 3.10.2007

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